Das braune Erbe der Amstettner Roten

13. April 2014, 17:39
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Ein Gutachten des DÖW beschreibt einen früheren Amstettner SPÖ-Vizebürgermeister als willfährigen Beamten während der Nazizeit. Die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde steht im Raum - allein: Die Bürgermeisterin will darüber lieber nicht reden

Amstetten - Adolf Hitler und Josef F. in einer Schlagzeile - das war so verlockend, dass selbst englische Boulevardmedien 2011 über die Frage berichteten, wie die niederösterreichische Stadt Amstetten mit der Hitler-Ehrenbürgerschaft umgeht. "F. town revokes Hitler's honorary citizenship", schrieb etwa die Daily Mail, nachdem sich der Gemeinderat zur Aberkennung durchgerungen hatte.

Ins Rollen gebracht hatten die Debatte die städtischen Grünen; Ausgangspunkt war allerdings eine ganz andere Ehrenbürgerschaft, nämlich jene von Paul Scherpon. Er war von 1938 bis 1945 Landrat von Amstetten, eine Funktion, die der des heutigen Bezirkshauptmannes entspricht. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat er der SPÖ bei, von 1955 bis 1965 war er Gemeinderat und Vizebürgermeister von Amstetten. 1967 beschloss der Gemeinderat einstimmig seine Ehrenbürgerschaft. Scherpon starb 1970.

2011 warfen die Grünen die Frage auf, ob es legitim sei, dass die Stadt jährlich einen Kranz auf seinem Grab niederlegt. Der Gemeinderat beschloss, ein Gutachten einzuholen, das der Frage nach Scherpons Rolle während des NS-Regimes nachgehen sollte. Dieses ist seit Mitte Jänner fertig. Allein: Wenn es nach Bürgermeisterin Ursula Puchebner (SPÖ) geht, soll das lieber niemand wissen. Dem STANDARD liegt das Papier aber vor.

Pflichtbewusster Beamter

Akribisch erforschte das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) Scherpons Handeln während der Nazizeit. Das Bild, das in dem Gutachten gezeichnet wird, ist jenes eines ideologisch wendigen, pflichtbewussten Beamten, der sich strikt an die Vorgaben der Nazis hielt und gegen jede Form des Widerstandes vorging.

So berichtete Scherpon etwa an den Kreisleiter über regimekritische Pfarrer und Religionslehrer. Besonders harsch ging er 1940 gegen Eltern aus dem Ort Ertl vor, die ihre Kinder zu Fronleichnam "trotz vorheriger Bekanntgabe, dass dieser Tag kein gesetzlicher Feiertag ist", nicht zum Unterricht geschickt hatten. Und weiter: "Ich habe die Gendarmerie beauftragt, gegen sämtliche Eltern (89 Personen) die Anzeige zu erstatten."

Linientreuer Beamter

Auch in der sogenannten Rassenfrage zeigte sich Scherpon linientreu. 1940 empfahl er in einem Schreiben an die Gestapo die Einrichtung eines Lagers, "um die Zigeunerplage zu steuern". Zum Novemberpogrom 1938 berichtete er: "Zwecks Vermeidung weiterer Zwischenfälle mussten die männlichen Juden zwischen 18 und 50 Jahren in Schutzhaft genommen werden." Als Landrat hatte er mit der Polizei ein Nichteingreifen bei Angriffen auf jüdische Geschäfte und ein Gebetshaus in Amstetten vereinbart.

Besonders hart war Scherpon gegenüber ungarischen Juden, die zum Arbeitseinsatz in die Gegend rund um Amstetten gebracht worden waren. Einerseits beklagte er sich in seinen Berichten über deren "mangelhafte Bekleidung" - weil dadurch der Ausfall ihrer Arbeitskraft zu befürchten sei. Andererseits notierte er, dass ihr Einsatz in der Region den "antisemitischen Gedanken" nicht fördern, sondern Mitleid erregen würde. So empfahl er schließlich in einem Brief in den Reichstatthalter in Niederdonau im August 1944: "Das Beste wäre, die Juden wieder abzuziehen und in einem KZ-Lager ihren Bestimmungen zuzuführen, aber so, dass die Bevölkerung nichts davon sieht."

"Abstoßende Wortwahl"

Das DÖW vermerkt an dieser Stelle: "Weshalb Landrat Scherpon in seinem Bericht eine derart abstoßende Wortwahl, die in der Form von keinem anderen Landrat verwendet wurde, getroffen hat, ist schwer rekonstruierbar." Es äußert sich zwar nicht konkret zur Frage, ob man Scherpon die Ehrenbürgerschaft der Stadt aberkennen solle, weist aber darauf hin, dass "moderne, demokratische Gemeinschaften die Aufgabe (haben), sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen". Zu empfehlen sei zumindest eine Darstellung der Biografie Scherpons auf der Website oder in städtischen Publikationen.

Bisher hat es das Gutachten nicht einmal in eine öffentliche Gemeinderatssitzung geschafft. Bürgermeisterin Puchebner sprach mit den Klubobleuten der Gemeinderatsfraktionen darüber und habe sich, wie der STANDARD erfuhr, bestürzt über Scherpons Handeln gezeigt. Allerdings habe sie auch möglichen SPÖ-internen Widerstand gegen eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft angedeutet. Versuche des STANDARD, mit ihr über die Causa zu sprechen, blieben erfolglos. Sie wolle sich dazu nicht äußern, ließ ihr Büro ausrichten. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 14.4.2014)

Kommentar zum Thema:

Keine Ende der Ignoranz

  • Paul Scherpon war in der Nazizeit ein linientreuer Beamter. Trotzdem ist er nach wie vor Ehrenbürger von Amstetten
    foto: privat

    Paul Scherpon war in der Nazizeit ein linientreuer Beamter. Trotzdem ist er nach wie vor Ehrenbürger von Amstetten

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