Syrien: Rebellen und Regierung werfen einander Gaseinsatz vor

12. April 2014, 20:28
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Damaskus: Al-Nusra-Kämpfer setzten Chlorgas ein - Gegenseite spricht von Sprengstofffässern der syrischen Armee

Damaskus - Trotz Fortschritten bei der Vernichtung syrischer Chemiewaffen ist erneut ein Giftgasangriff aus dem Bürgerkriegsland gemeldet worden. Berichten zufolge klagten die Einwohner des von Rebellen kontrollierten Ortes Kafr Sita über "Atemnot und Vergiftungserscheinungen" nach einem Luftangriff der Regierungskräfte. Damaskus warf wiederum der Rebellengruppe Al-Nusra-Front den Einsatz von Chlorgas vor.

Die den Regierungsgegnern nahe stehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London erklärte am Samstag, Kampfflugzeuge des Regimes hätten am Freitag in der Stadt, die in der zentralen Provinz Hama liegt, Sprengstofffässer abgeworfen, die einen "dichten Rauch und Gerüche" erzeugt hätten. Der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman, sagte, die bei dem Angriff Verletzten seien in Krankenhäuser eingeliefert worden. Die Organisation stützt sich in Syrien auf ein Netzwerk aus Aktivisten und Medizinern, ihre Angaben können aber von unabhängiger Seite nicht überprüft werden.

"Hundert Fälle von Atemnot"

Im Onlinenetzwerk Facebook berichteten Aktivisten aus Kafr Sita von einem Angriff mit "Chlorgas", durch den es "mehr als hundert Fälle von Atemnot" gegeben habe. Auf der Videoplattform YouTube wurden Filme veröffentlicht, auf denen Kinder und Männer zu sehen sind, die husten und Erstickungssymptome zeigen. Drei Jugendliche sind in einem Lazarett mit Sauerstoffmasken zu sehen. Ein Mann, offenbar ein Arzt, spricht von einem "gelben Produkt" mit einem "Geruch, der Chlorgas ähnelt".

Das Staatsfernsehen berichtete indes, Rebellen der extremistischen Al-Nusra-Front hätten in Kafr Sita "giftiges Chlor" verbreitet und dadurch zwei Menschen getötet. Hundert weitere Menschen hätten an Atemnot gelitten. Demnach plant Al-Nusra derartige Angriffe auch in Wadi Deif in der Provinz Idlib und in Morek in der Provinz Hama. Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien gab es wiederholt Berichte über den Einsatz von Giftgas, deren Urheber nur schwer festzustellen sind.

Verzögerungen bei C-Waffen-Vernichtung

Im vergangenen August wurden bei einem Giftgasangriff nahe Damaskus 1.400 Menschen getötet. Der Westen machte Staatschef Bashar al-Assad für den Angriff verantwortlich, die syrische Regierung extremistische, islamistische Rebellen. Unter der Androhung eines US-Militäreinsatzes stimmte Assad der Vernichtung aller Chemiewaffen zu. Laut dem vereinbarten Zeitplan soll die Operation am 30. Juni abgeschlossen sein. Ein Teil der Waffen ist bereits außer Landes geschafft, doch gibt es immer wieder Verzögerungen beim Abtransport der Waffen.

Unterdessen wurden aus der nordsyrischen Großstadt Aleppo schwere Kämpfe gemeldet. Laut der Beobachtungsstelle handelte es sich um die schwersten Gefechte seit fast zwei Jahren. Bei den Kämpfen in der Nacht auf Samstag nahe eines Geheimdienststützpunkts im Viertel Sahra habe es Opfer auf beiden Seiten gegeben. Laut der Beobachtungsstelle wurden bei Angriffen der Luftwaffe am Freitag und Samstag vier Rebellen im östlichen Bezirk Rashidun getötet.

Islamistische Rebellen hätten ihrerseits zehn Menschen getötet, darunter fünf Kinder, als sie mehrere von der Regierung gehaltene Viertel attackierten, berichtete die Beobachtungsstelle. Aleppo wird seit 2012 von Kämpfen erschüttert, weite Teile der Altstadt liegen inzwischen in Trümmern. Seit dem Beginn des Aufstands gegen Assad im März 2011 wurden in Syrien Schätzungen zufolge mehr als 150.000 Menschen getötet. Neun Millionen Menschen wurden zu Flüchtlingen. (APA, 13.4.2014)

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