Am Chacaltaya-Gipfel

19. Oktober 2004, 14:21
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In den bolivianischen Anden auf 5.266 Meter Höhe gibt es Faschiertes nach österreichischer Art, holländisches Bier und Wein aus Frankreich

Wer es nicht erlebt hat, mag es kaum glauben: Zu Fuß, per Taxi oder Bus passieren Gäste aus aller Herren Länder eine der höchsten Straßen der Welt. Sie führt in den bolivianischen Anden über 5.000 hoch. Mancher fährt hier in der Region auch Extrem-Ski.

Andere mühen sich in dünner Luft die letzten Schritte zum etwas höher gelegenen Chacaltaya-Gipfel. Wenn die Gaststube im Berghaus geöffnet ist, serviert Karl Woitech aus St. Pölten Faschiertes, holländisches Bier und französischen Wein. Das Haus liegt 5.260 Meter hoch. Hier endet die Straße.

Zu den Gästen des hier "Carlos" genannten österreichischen Bergführers, Skilehrers und Wirts gehören auch Radprofis und andere Sportstars, die das Höhentraining in den Anden Boliviens lieben. Und auch von "unten" aus der knapp 4.000 Meter hoch liegenden Stadt La Paz kommen die Bergfans, dabei etliche Restaurant- und Hotelmanager aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland. In der größten Stadt des Landes leben zahlreiche Einwanderer aus Europa.

Es ist ein Sommertag in Bolivien. Die Sonne wärmt am Chacaltaya heute auf über zwölf Grad. Die Sicht ist gut. Hänge und Gipfel schimmern steingrau und schneeweiß. Schäfchenwolken treiben in sanfter Brise.

Woitech schiebt gerade das Faschierte in den mit Propangas beheizten Ofen. Ehefrau Veronica Subieta würzt den Eintopf. Carlos sagt: "Ich habe mich schon als Kind für gutes Essen interessiert. Opa und Onkel kannten sich gut aus in dem Fach und brachten mir viel bei."

Doch in mehr als 5.000 Metern Höhe ist einiges anders. In Woitechs Küche steht eine Sauerstoffflasche. Wenn der Propan-Herd den Raum erwärmt, kann die Luft unerträglich dünn werden. Manchem Gast wurde dann schon flau. Dann reichert der Wirt die Luft mit Sauerstoff an.

Woitech hat als Betriebsschlosser lange bei der Voest gearbeitet. Als junger Mann packte ihn das Fernweh. Ihn lockte der Amazonas. Er reiste quer durch Südamerika und blieb in Boliven hängen. Berghaus und Restaurant standen lange leer, bevor die Woitechs es vor knapp vier Jahren pachteten und hier investierten. Ein Goldgrube wurde es nie.

"Bolivien ist ein armes Land", sagt Ehefrau Veronica. "Wer auch einheimische Gäste will, muss die Preise niedrig halten." Der Tageslohn eines Landarbeiters liegt umgerechnet bei etwa zwei Euro. Ärger mit Behörden und Verpächter bereiteten dem Paar Kummer. "Wir haben ständig Neider, die uns Steine in den Weg legen", sagt Woitech.

Längst gewöhnt hat sich der St. Pöltner an die "verkehrten" Jahreszeiten hier auf der Süd-Halbkugel der Erde. Wenn in Europa Sommer herrscht, braucht Woitech manchmal Schneeketten. Auf dem Chacaltaya pfeift der Wind. An machen Tagen sinkt das Thermometer auf minus 20 Grad.

Das Restaurant ist vorübergehend geschlossen. Zu dieser Zeit kommen ohnehin wenig Gäste. Für Busse liegt zu viel Schnee. Dass die Schotter-Straße auf den Berg überhaupt existiert, ist dem Laboratorio de Física Cosmica zu verdanken. In der Station in 5.000 Meter Höhe messen Forscher unter anderem die kosmische Strahlung.

Karl und Veronica sind trotz Restaurant-Ärger glücklich. Sie brachte Anfang Juli eine Tochter zur Welt. Der Vater überlegt, ob er auf einem anderen Gipfel eine Gaststube oder Skipiste errichten soll. Der Mann der vielen Berufe hat keine Angst vor der Zukunft. (apa)

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    Die Gaststube

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