Große Retrospektive zu Nitschs 65er

26. August 2003, 20:29
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Ausstellung in Sammlung Essl, "Herodiade" in der Staatsoper und nächstes Jahr ein 2-Tages-Spiel in Prinzendorf

Wien - 1998 sorgte er anlässlich seines Prinzendorfer 6-Tage-Spiels für Schlagzeilen. Seither haben sich die Wogen der Erregung um den Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch ziemlich geglättet. Am 29. August begeht er seinen 65. Geburtstag und freut sich auf eine große Retrospektive, die Kunstsammler Karlheinz Essl aus diesem Anlass ab Mitte Oktober in Klosterneuburg ausrichtet. Bereits ab 12. 9. wird in der Staatsoper Massenets "Herodiade" wieder aufgenommen, die Nitsch dort 1995 realisierte. Für das kommende Jahr plant der Künstler, der kürzlich als Lehrbeauftragter der Frankfurter Städelschule seinen Abschied nahm, ein 2-Tages-Spiel in Prinzendorf.

Werdegang

Hermann Nitsch, 1938 in Wien geboren, besuchte von 1953 bis 1958 die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien und beschäftigte sich bereits in seinen ersten malerischen Arbeiten mit religiösen Themen. Seit 1957 verfolgt der Künstler konsequent die seine gesamte Arbeit bestimmende Idee eines als Gesamtkunstwerk konzipierten Daseinsfestes - das so genannte Orgien-Mysterien Theater (O.M. Theater).

Nitschs Malaktionen und Aktionen ab Beginn der sechziger Jahre markieren wesentliche Stationen des Wiener Aktionismus. Nach Farbschüttaktionen, bei denen Nitsch bald begann, ein kuttenartiges weißes Hemd zu tragen, ließ er sich 1962 selbst vor ein weißes Tuch wie gekreuzigt fesseln und mit Farbe beschütten - was als ein entscheidender Schritt von der aktionistischen Malerei hin zum Aktionismus definiert wurde.

Endgültiger Durchbruch

Auf Aktionen mit Lammkadavern, die mit Blut und Wasser beschüttet wurden, folgten Körperschüttungsaktionen, für die sich zunächst Freunde aus der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt wie der Aktionist Rudolf Schwarzkogler oder der Fotograf Heinz Cibulka zur Verfügung stellten. Den internationalen Durchbruch brachte 1966 eine Einladung für Nitsch, Günter Brus und Otto Mühl nach London zum "Destruction in Art Symposion".

Die Aktion von Nitsch vor internationalem Publikum wurde von der Polizei abgebrochen - ein Vorfall, der legendär wurde und Nitsch international bekannt machte. Es folgten Einladungen nach New York, Aktionen und Ausstellungen in Los Angeles, Vancouver, Berlin, München, Paris, Mailand, Bologna, Florenz, Triest, Eindhoven und Zürich.

Politiker und die Kunst

In den Jahren 1972 und 1982 war Nitsch Teilnehmer bei der documenta V bzw. der documenta VII in Kassel. Seit den 80er Jahren sind seine Arbeiten in den renommiertesten internationalen Museen zu finden. Gleichzeitig sorgten seine Arbeiten immer wieder für Erregungen. 1988 reiste der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky persönlich zur Eröffnung einer großen Aktionismus-Ausstellung in Kassel, um festzuhalten, dass es Aufgabe der Politik sei, die Kunst "vor Zensur und politischem Einfluss" zu schützen.

Vier Jahre später weigerte sich jedoch Bundespräsident Thomas Klestil, die Eröffnung einer Nitsch-Retrospektive als Österreich-Beitrag für den Kunstpavillon der Expo 1992 in Sevilla zu besuchen. Auch der bisherige Höhepunkt seines Schaffens, die Realisierung des 6-Tage-Spiels im Barockschloss Prinzendorf, das 1971 seine erste, später nach einem Unfall verstorbene Frau erwerben konnte, wurde von heftigen Anfeindungen begleitet.

"Gesamtkunstwerk für alle Sinne"

Sein nach einer genauen Partitur ablaufendes "Gesamtkunstwerk für alle Sinne", in dem Aktionen und Malerei, Musik und Kulinarik miteinander verbunden werden, ist aber längst nicht abgeschlossen. "Es ist ja nicht so, dass ich mich zur Ruhe setze", versicherte Nitsch im Frühjahr anlässlich der Vorstellung der Musik-Dokumentation des 6-Tage-Spiels, "Sie werden ständig verändert und verbessert." Das nächste 6-Tage-Spiel hofft er in ein paar Jahren realisieren zu können: "Es ist eine Geld- und Kraftfrage." (APA)

"Hermann Nitsch. Werke aus der Sammlung Essl 1960 - 2000. Eine Retrospektive", Sammlung Essl, Klosterneuburg, 17.10.-11.1.2003
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