"Überstundenboykott wird grauslich"

31. August 2003, 19:11
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Die Gewerkschaft will die ÖBB-Reform kippen und droht mit Dienst nach Vorschrift, sollten die Reformpläne nicht geändert werden. Bahnkunden müssen dann mit Chaos rechnen.

Wien - Die Eisenbahnergewerkschaft und das derzeitige ÖBB-Management liegen sich in den Haaren - nicht nur wegen der Bahnreform, von der sich der Vorstand mehr Flexibilität verspricht und die Belegschaftsvertretung die Zerschlagung des Unternehmens und den anschließenden Ausverkauf befürchtet; selbst bei den Überstunden gehen die Angaben weit auseinander.

Während die Gewerkschaft von 6,3 Millionen Überstunden spricht, die seit der Ausgliederung der ÖBB aus dem Bundesbudget 1994 Jahr für Jahr anfallen, sind es laut Vorstandsberechnungen "nur" 4,1 Millionen. Jedenfalls sind es genug, um im Fall eines angedrohten Überstundenboykotts den Bahnbetrieb empfindlich zu stören. "Der Überstundenboykott wird grauslich, viel schlimmer, als dem ÖBB-Vorstand offensichtlich bewusst ist", sagte der obers- te Eisenbahngewerkschafter Wilhelm Haberzettl, am Montag am Rande einer Betriebsrätekonferenz.

"Es geht bis zum Streik"

Mehr als 2000 Personalvertreter, begrüßt und motiviert von ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch, haben eine Resolution beschlossen, in der sie unter anderem die Rücknahme des Gesetzentwurfes zur Umorganisation der ÖBB verlangen. Für den gegenteiligen Fall wird Dienst nach Vorschrift angedroht. Bis Mitte September will man noch zuwarten. Dann geht der Gesetzentwurf über die ÖBB-Reform aller Wahrscheinlichkeit nach in Begutachtung. Sollten kollektivvertragliche Bestimmungen - wie etwa die zwölf Minuten Zeitzuschlag pro Nachtschicht - aufgeweicht werden, werde man schärfere Maßnahmen ergreifen. Haberzettl: "Dann geht es bis zum Streik."

Nach derzeitigem Stand der Dinge soll die "ÖBB neu" unter einem Holdingdach in drei eigenständige Aktiengesellschaften für Infrastruktur, Personenverkehr und Güterverkehr zerfallen. Rund 7000 angeblich "überflüssige" Eisenbahner sollen in ei- ner Personalmanagementgesellschaft zwischengeparkt und an Interessenten verleast werden. Insgesamt beschäftigen die ÖBB derzeit 47.000 Mitarbeiter. Der ÖBB-Vorstand geht davon aus, dass sich der Personalstand bis 2010 um insgesamt 12.000 auf etwa 35.000 reduzieren werde; neben den 7000, die man ausgliedern will, sollen 5000 natürliche Abgänge nicht nachbesetzt werden.

Fehlen Lokführer?

Auch wenn Gewerkschaft und Vorstand bei der Höhe der Überstunden unterschiedliche Angaben machen, sind sie doch einig, wo diese schwerpunktmäßig anfallen, nämlich überwiegend bei den Lokführern ("Traktion"). "Wir ordnen Überstunden an, wann immer dies notwendig ist für eine wirtschaftliche Führung des Unternehmens", sagt ÖBB-Generaldirektor Rüdiger vorm Walde. Die Zahl der Lokführer werde mit rund 5000 über das Jahr konstant gehalten; da im Herbst die Loks nicht zuletzt aufgrund der Getreidelieferungen stärker gefragt seien als im Frühjahr, werde der Mehrbedarf durch Überstunden abgedeckt. Allein in der Ostregion, wo sich rund 80 Prozent des öffentlichen Verkehrs in Österreich abspielen, fehlten an die 700 Lokführer.

"Die Zahl der Überstunden durch eine 40-Stunden-Woche zu dividieren und das Ergebnis auf Personen umzulegen ist nicht zulässig", heißt es in der ÖBB. Die Einsatzbereiche seien zu unterschiedlich, als dass sie miteinander verglichen werden könnten. Die Zahl, die dabei herauskommt, ist aber trotzdem beeindruckend: 6,1 Millionen Überstunden entsprechen rund 4000 Vollarbeitskräften, 4,1 Millionen Überstunden entsprächen immerhin der Arbeit von 2500 Personen.

Neben der Traktion fallen Überstunden auch im Verschub (Netzbereich), bei Fahrdienstleitern (Bereich Personenverkehr) und beim Schienenwartungspersonal an. Die Verwaltung kommt faktisch ohne Überstunden aus.

Schaden begrenzen

"Wir werden versuchen, den Schaden aus einem möglichen Überstundenboykott bestmöglich zu begrenzen", sagt vorm Walde. "Notfalls müssen wir eben Speditionen anmieten, um das Leistungsversprechen an unsere Kunden zu erfüllen." Sei der Kunde erst einmal weg, sei er nur sehr schwer wieder zurückzugewinnen. (Günther Strobl, Der Standard, Printausgabe, 26.08.2003)

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    Gewerkschaft und Vorstand fahren in verschiedene Richtungen.

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