Mehrheit der Deutschen: "Geiseln sollen zahlen"

25. September 2003, 17:18
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Die befreiten Sahara-Touristen wehren sich gegen den Vorwurf, leichtsinnig gewesen zu sein

Eine knappe Mehrheit der Deutschen ist der Auffassung, dass die heimgekehrten Sahara-Geiseln einen Teil der Kosten ihrer Befreiung selbst tragen sollten. Laut einer am Mittwochabend veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag des deutschen Senders "N24" sprachen sich 52 Prozent dafür aus, dass Abenteuer-Urlauber, die sich leichtfertig in Gefahr begeben, für ihre Rettung auch zahlen müssten. Dagegen hielten 45 Prozent der 1004 Befragten eine solche Kostenbeteiligung für nicht statthaft.

Der frühere Staatsminister im Auswärtigen Amt, Ludger Volmer (Grüne), sagte dazu, laut geltendem Konsulargesetz müssten Hilfsbedürftige die Kosten der Hilfsmaßnahmen mittragen, unabhängig davon, ob es sich um Abenteuer-Reisende oder um Strandurlauber handle. Allerdings wolle "der Staat niemanden ruinieren und hat deshalb auch die Leistungsfähigkeit des Einzelnen im Auge".

Die Frage der Lösegeldzahlung an die Entführer spielte Volmer herunter, es sei "ja nicht Lösegeld so im engeren Sinne bezahlt worden wie bei landläufigen heimischen Entführungen". Dies seien vielmehr Beträge, "die eher im Zusammenspiel von internationalen Kräften mobilisiert werden". Das Geld komme nicht direkt aus der Staatskasse, und es handle sich letztlich um politische Kosten, die sich auf der anderen Seite auch wieder politisch rentierten.

"Keine Warnungen"

Inzwischen haben mehrere der am Montag befreiten Sahara-Touristen den Vorwurf zurückgewiesen, sich mit der Reise in das Gebiet leichtsinnig selbst in Gefahr begeben zu haben. "Auf keinen Fall", sagte der 46-jährige Rainer Bracht am Mittwochabend in den ARD-"Tagesthemen".

Ihr Reisegebiet, der Süden Algeriens, habe "als sicheres Gebiet" gegolten. Entführungen, wie er und seine 14 Mitgefangenen sechs Monate lang erlitten hatten, habe es dort früher nie gegeben. Auch das deutsche Außenministerium habe lediglich vor einigen für die Sahara typischen Gefahren wie Verirren oder Verdursten gewarnt.

Lösegeld für Waffen

Zur Geiselnahme selbst sagte Bracht: "Das war einfach surreal." Bärtige Männer mit Kalaschnikows seien am 22. Februar mit ihren Pick-ups auf die Sahara-Touristen an der algerischen Gräberpiste zugeprescht und hätten gerufen: "Keine Angst, wir trinken nur Tee mit euch!" Wie sich herausgestellt habe, sagt Bracht, hätten die Mudjahedin, wie er sie nennt, Lösegeld erpressen wollen, um im Niger Waffen zu kaufen.

Als die "Tee-Gäste" nach mehreren Stunden nicht abgerückt seien, sei ihm klar gewesen, dass das eine längere Geschichte werde. "Wir waren am falschen Ort zur falschen Zeit", resümiert Bracht ohne einen feindlichen Ton gegenüber den Entführern.

Deren Trupp sei ungefähr 40 Mann stark gewesen. Keiner von ihnen habe gedroht oder Gewalt angewendet. Gefahr habe bei den Verlegungen der Geiseln von einem Versteck ins andere bestanden, da die Entführer einen eigenwilligen, schlechten Fahrstil hätten - was mehrmals dazu geführt habe, dass sich ihre Autos überschlugen.

Schlimm sei auch die Versorgungslage mit Lebensmitteln und Wasser gewesen, die wohl zum Tod der Augsburger Geisel Michaela Spitzer geführt habe. Erst kurz vor Ende der Geiselhaft habe er von Verhandlungen gehört. "Da waren wir aber schon in Mali."

Bracht wollte ursprünglich mit einem Motorrad die Wüste durchqueren. Auf die Frage nach einer Rückkehr in die Sahara schmunzelt er. "Die Mudjahedin haben uns als Gäste eingeladen, aber alle anderen Touristen vor Reisen in die Region gewarnt." (AP, dpa/DER STANDARD; Printausgabe, 22.8.2003)

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    Die freigelassenen Sahara-Geiseln Kurt Schuster und Erna Schuster (beide links) und Jürgen Matheis (r) zeigen am Mittwoch beim Aussteigen aus dem Airbus der Bundesluftwaffe.

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