Symphonische Nachtschicht

21. August 2003, 19:29
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Mahlers Neunte mit Riccardo Chailly

Salzburg - Einige bullige Straßenkreuzer englischen und deutschen Geblüts, die in der neuerdings rund um die Uhr brechend vollen Mönchsberggarage abgestellt sind, sind so elegant, dass sie sich im Zuschauerraum der Großen Festspielhauses auch ganz gut ausnehmen würden. Womit nicht gesagt sein soll, dass man ihre festlich gekleideten Insassen im Gegenzug bis Konzertschluss in der heißen Garage zwischenlagern soll.

Die Lösung wäre vielmehr ein fashionabler Salzburger Festspiel-Drive-in, der es ermöglicht, während der seelischen Erbauung durch edle Klänge durch einen diskreten Griff zur Cola- oder einer sonstigen Flasche auch etwas für das leibliche Wohl zu tun. Wodurch sich manche konzertante Durststrecke wesentlich leichter überbrücken ließe.

Besonders dann, wenn der Start für einen mehr als eineinhalbstündigen, ziemlich anstrengenden symphonischen Nonstoplauf, wie ihn Gustav Mahlers neunte Symphonie nun einmal nötig macht, erst für neun Uhr Abend angesetzt ist. Allein deshalb verdienen die Damen und Herren des Amsterdamer Concertgebouworchesters und insbesondere Riccardo Chailly an ihrer Spitze allen Respekt und Bewunderung.

Und nicht zuletzt auch das wieder sehr vornehm, wenn auch überwiegend etwas angegraut gewordene Publikum, das zu später Stunde, wo es ansonsten der Geselligkeit zu frönen pflegt, schon durch die Lektüre des Programmhefts auf das Jenseits, das Abschiednehmen und alle sonstigen ernsten und letzten Dinge eingestimmt wird.

Sogar Alban Berg wird mit der Feststellung zitiert, der ganze erste Satz sei "auf Todesahnung" eingestellt. Trotzdem bewiesen sehr viele, die dieser spätabendlichen Vorwegnahme ihres eigenen Requiems beiwohnten, nicht nur Ausdauer, sondern überwiegend doch auch Mahler-Kompetenz, indem sie nach Ende der Aufführung vor allem die wirklich fulminanten Holzbläser der holländischen Gäste nach Kräften bejubelten.

Auch Riccardo Chailly bekam seinen gebührenden Beifall ab. Er lieferte nämlich eine Wiedergabe von stimmiger Rissigkeit. Es war weniger die mitunter betörend schimmernde, letztlich aber dann doch kaum existente melodische Glasur, die er zu polieren versuchte.

Vielmehr legte er durch die kaleidoskopisch variable Dynamik, zu der er das Orchester anhielt, die verschieden tief gelegenen Schichten des thematischen und assoziativen Myzels frei, aus dem dieses voluminöse Werk erwächst. Durch diese Annäherung wurde das mitunter aufblühende süffige Melos zum Zufall geadelt, der sich temporär in den vielschichtigen Abläufen konstituiert. Was der Wiedergabe bei aller spontanen Emphase ein hohes Maß an Zeitnähe verlieh.
(DER STANDARD, Printausgabe, 22.8.2003)

Von Peter Vujica
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