Mitarbeiter des Kosmos

21. August 2003, 19:29
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Der Komponist Karlheinz Stockhausen feiert seinen 75. Geburtstag, die Festspiele gratulieren mit dem "Helikopter- Streichquartett"

Am Freitag feiert Komponist Karlheinz Stockhausen seinen 75. Geburtstag: Die Salzburger Festspiele beschenken ihn mit der späten Aufführung des einst von den Festspielen in Auftrag gegebenen "Helikopter- Streichquartetts".


Wien - Am 22.8., am Tag seines Geburtstags, wird er Orange tragen. Weil Freitag ist. Jedem Tag ist, so will es die Organisation, eine Farbe zugeordnet. Montags wäre Grün dran, der Donnerstag ist blau. Es ist auch der Tag, an dem Karlheinz Stockhausen Verhandlungen führt. Denn Donnerstags ist sein Meister, Erzengel Michael, hilfreich zugegen. Mit unsichtbaren Mächten pflegt der deutsche Komponist regen Kontakt. Kein Problem für einen "Mitarbeiter des Kosmos", wie er sich nennt.

Er weiß auch von Reinkarnation zu berichten, von seinen früheren Musikexistenzen; von Sirius auch, jenem Stern, auf dem die Musik vollkommen sei. Seit langem haben die spirituellen Bedürfnisse und Theoreme dieses Klassikers der Moderne auch sein Werk erfasst. Seine Musik, so Stockhausen "steht in engem Zusammenhang mit der geistigen Welt, die wir normalerweise nicht sehen können - mit unseren Menschenaugen. Aber doch sehr genau spüren. Und ich meine, es gibt da Resonanzen in meinem Werk. Resonanzen dieser kosmischen Gesetzmäßigkeiten."

Die Hauptpersonen seines obsessiv vorangetriebenen Gesamtkunstwerks Licht (für jeden Wochentag ein Teil) bleiben denn auch mehr als nur Kunstfiguren. Da ist Michael, "den ich als Lenker unseres Universums verehre, zu dem ich regelmäßig bete".

Dann wäre da Eva, die "kosmische Mutter, die für die Verbesserung und Verschönerung von Lebewesen auf dem Planeten sich zeitlos und immer eingesetzt hat und einsetzt". Das sind nach Stockhausen "wichtige Personen des Universums", denn da ist auch Luzifer, "der Lichtengel, der gegen die Hierarchie des Universums rebelliert".

Irdische Mächte sollen beim Erlauschen der unsichtbaren Sphären nicht stören. Stockhausen hat kein Telefon, keinen Fernseher, kein Fax. Was Wunder, dass er, so er einmal die irdische Realität kommentiert, Probleme bekommt. Er ist wohl einer der wenigen Zeitgenossen, die bis heute die Bilder vom 11. September nicht gesehen haben.

Nach seiner Einschätzung befragt, kam jedoch ein etwas abgehobenes Statement, das vom "großen Kunstwerk Luzifers" sprach und für ziemliches Entsetzen sorgte. Stockhausen schwächte ab, fühlte sich missverstanden. Den fatalen Eindruck des Fasziniertseins konnte er jedoch nicht ausräumen - auch als er für seine Aussage Luzifer zur Verantwortung zog . . .

Es gab da einst auch einen anderen Stockhausen. Jenes Waisenkind, das im Krieg in einem Frontlazarett arbeiten musste. Jenen Stockhausen, der sich nach dem Krieg mit Gelegenheitsarbeiten und als Pianist durchschlug und in den 50ern zusammen mit Pierre Boulez und Luigi Nono das Dreigestirn der Moderne bildete. Als zentrale Komponistenfigur hat er im Bereich der punktuellen, der aleatorischen Musik, im Bereich des elektronischen Klangerzeugung Wesentliches ausgesagt.

Auch raumbezogene und serielle Musik trägt sei- ne Innovationshandschrift. Schließlich hat auch die von ihm propagierte "Intuitive Musik" Betörendes hervorgebracht. Stücke wie Kreuzspiel, Gesang der Jünglinge und Gruppen sind Klassiker des Genres geworden; und Stockhausen hat auch in die Popmusik hineingewirkt. Die Beatles baten ihn, sein Foto auf das Cover von Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band bringen zu dürfen.

Dass er in Salzburg geehrt wird, ist einerseits eine Selbstverständlichkeit, aber auch eine Art Rehabilitation nach den Auseinandersetzungen um seine Aussagen zum 11. September. Es gibt aber auch etwas nachzuholen. Sein Hubschrauber-Streichquartett, das heute aufgeführt wird, war eine Auftragsarbeit aus der Ära Mortier/Landesmann.

Doch Stockhausen hatte einen aufwändigen Werktraum: Die Mitglieder eines Streichquartetts sitzen in vier verschiedenen Hubschraubern und spielen gleichzeitig. "Ich habe das geträumt, dann alles aufgeschrieben, dem Festspieldirektor die Partitur geschickt - und er fiel aus allen Wolken: ,Wie machen wir das?'" Man machte es gar nicht. Jetzt verleiht eben Red Bull dem Werk Propeller. Mit 200.000 Euro.

Zur Uraufführung gelangt in Salzburg auch ein Ausschnitt aus Licht (Düfte - Zeichen), dem großen Gesamtkunstwerk, das nun fertig komponiert ist. An sich wünscht sich Stockhausen für deren Umsetzung die Errichtung von sieben Gebäuden. Mit seiner Spieldauer von fast 30 Stunden ist das Ganze allerdings auch so schon eine Herausforderung an die Logistik - weshalb das siebenteilige Werk noch nicht als Ganzheit aufgeführt wurde. Vielleicht dereinst auf Sirius. Vorausgesetzt, Luzifer erhebt nicht Einspruch dagegen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 22.8.2003)

Von Ljubisa Tosic
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    Karlheinz Stockhausen

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