Pawlowscher Reflex beim Menschen

21. August 2003, 20:00
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Britische Forscher trainierten Probanden einen Heißhunger auf Vanilleeis und Erdnussbutter an

Washington - Britische Forscher haben Probanden einen Pawlowschen Reflex antrainiert, der Heißhunger auf Vanilleeis und Erdnussbutter-Sandwiches auslöst. Die Studienteilnehmer reagierten mit Appetit auf abstrakte Computerbilder, zu denen ihnen zuvor Vanille- oder Erdnussduft in die Nase gezogen war. War der Hunger gestillt, blieben die Bilder wirkungslos, wie die Forscher im US-Wissenschaftsjournal "Science" (Bd. 301, S. 1104) vom Freitag berichten. Die Untersuchungen könnten bei der Erforschung von Essstörungen helfen, betonen sie.

Die Versuche zeigten, dass das menschliche Hirn indifferente Reize mit der Erwartung kulinarischer Genüsse verknüpfen und nach der Befriedigung des Verlangens danach auch wieder entspannen könne, erläutert der federführende Autor der Studie, Jay Gottfried vom Londoner Wellcome-Institut in "Science". Ein Fehlen dieser mentalen Entspannung führe möglicherweise zu zwanghaftem Essen.

Appetit-Reflexe

Der Russe Iwan Petrowitsch Pawlow hatte bereits 1897 berichtet, dass er bei Hunden mit einem akustischen oder optischen Signal Appetit-Reflexe hervorrufen kann. Den Tieren lief bei dem durch das Signal ausgelösten Gedanken an ein Stück Fleisch der Speichel im Maul zusammen. Das Prinzip der "biologischen Steuerung" wurde 1902 durch die Briten William Bayliss und Ernest Starling bestätigt.

Gottfried und Kollegen wiesen den Reflex über Hirnaufnahmen mit der funktionellen Kernspintomographie bei 13 hungrigen Probanden nach. Sie konzentrierten sich auf zwei Bereiche im Hirn, die bereits bei Studien mit Drogensüchtigen, Alkoholikern und Patienten mit dem als Kluver-Bucy-Syndrom bekannten Esszwang aufgefallen waren.

Aktivität der Hirnregionen

Wie erwartet zeigten diese Hirnregionen, die Amygdala und der orbitofrontale Kortex, beim Betrachten der Computerbilder eine erhöhte Aktivität. Sie ließ nach, nachdem die in zwei Gruppen geteilten Probanden ihren Hunger auf Vanilleeis oder Erdnussbutter-Sandwiches gestillt hatten. Allerdings gelang es den Forschern, die Hirnaktivität der Probanden mit dem Signal für den jeweils anderen Genuss wieder anzukurbeln. Das heißt, dass jene Teilnehmer, deren Appetit auf Vanilleeis gestillt war, dennoch auf das Signal für Erdnussbutter-Brote reagierten.

Außer für Essstörungen könnten die Untersuchungen auch Bedeutung für die Erforschung von Suchtmechanismen haben, betonen die Forscher. Die Leichtigkeit, mit dem das Hirn die Hoffnung auf Gaumenfreuden mit anderen Umweltsignalen verknüpfe, illustrierten auch, warum es Süchtigen so schwer falle, allein durch Willenskraft abstinent zu bleiben. (APA/dpa)

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    Das menschliche Hirn verknüpft indifferente Reize mit der Erwartung kulinarischer Genüsse.

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