Nostalgie statt Realität: Kritik am DDR-Retro-Boom im TV

29. August 2003, 15:39
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SAT.1 zeigt am Samstag "Meyer & Schulz - Die ultimative Ost-Show" - Ringen um die wenigen prominenten Gäste

Nach dem überraschenden Kassenerfolg des Kinofilms "Good Bye, Lenin!" haben sich einige deutsche Fernsehsender die Rückbesinnung auf die alte DDR zu eigen gemacht und fast aus dem Stand so genannte Retro-Shows aus dem Boden gezaubert. Die Frage, ob Nudossi besser als Nutella schmeckt oder Radeberger besser als Becks mundet, beschäftigt die Deutschen seither mehr als sonst. Doch nach dem Auftakt der ZDF-OSTalgie-Show vergangenes Wochenende und vor dem Start des SAT.1-Zweiteilers "Meyer & Schulz - Die ultimative Ost-Show", die sich des Alltagslebens der DDR annehmen soll, wurde Kritik am DDR-Retro-Boom laut.

Politische Diskussion ums DDR-Erbe verdrängt

So warnte vergangene Woche Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus, der Rückblick auf die DDR dürfe nicht nostalgisch erfolgen, er müsse die reale DDR-Wirklichkeit widerspiegeln. Der Leipziger Medienwissenschaftler Hans-Jörg Stiehler meinte, die Ostalgie-Welle verdränge die politische Diskussion ums DDR-Erbe, und der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz prangerte an, dass oberflächlich auf der Nostalgiewelle geritten werde. Die menschenunwürdige Seite des Systems dürfe nicht verharmlost werden.

"Mit dem Alltag nie befasst"

"Meyer & Schulz" - Moderator Ulrich Meyer, der von Boxer Axel Schulz unterstützt wird, wehrt sich gegen die Bedenken im Vorfeld seiner Sendung: "Wir wissen sehr viel über die DDR: Wir haben von den Mauertoten erfahren und vom Verrat in den Familien", sagt der "Akte"-Moderator. "Aber mit dem Alltag haben wir arrogante Wessis uns nie befasst. Und der Ossi traute sich bislang nicht, diese Dinge an die Oberfläche zu bringen."

"Ossi" Geißen moderiert mit Katarina Witt

Auch Kollege Oliver Geißen, der für RTL ab 3. September gemeinsam mit Eisstar Katarina Witt vier Mal durch die "DDR Show - Vom Ampelmann bis zum Zentralkomitee" führt, sagt: "Ich nehme die Vorbehalte sehr ernst", sagt der gebürtige Hamburger. "Nur wir werden nichts verherrlichen. Wir werden in unserer Show Elemente übernehmen, die bereits in der Show "Die 80er" vorkamen. Wir wissen alles über die Staatssicherheit und Mielke. Aber wer weiß heute schon, was spanisches Bier ist?" Auch Katarina Witt sagt, sie werde mit "einem zwinkernden Auge" durch die Sendung führen, denn in der DDR sei ja nicht alles schlimm gewesen.

"Heftiger Kampf" um die Gäste

Wenn es um die Kritik am der TV-Shows und am Ostalgie-Sog geht, sind sich die Moderatoren der verschiedenen Sendersysteme einig. Denn mit dem Ost-Hype sollen auch kommerzielle Erfolge erzielt werden, bedingt durch hohe Marktanteile und die damit verbundenen Werbeeinnahmen. Aber ansonsten sind sich die Sender spinnefeind. Denn im Vorfeld des Showreigens, den das ZDF am vergangenen Wochenende mit der "Ost-Show" einläutete setzte das harte Ringen um die wenigen prominenten Gäste aus dem Osten ein. "Einen heftigen Kampf" konstatierte Ulrich Meyer. Und Geißen und sein Produzent, Günther Jauchs I+U TV GmbH, wollen erst einmal den Start von Meyer am Samstag abwarten, bevor sie am Freitag ihre Auftaktshow produzieren. (APA/dpa)

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    Oliver Geißen: "Wir wissen alles über die Staatssicherheit und Mielke. Aber wer weiß heute schon, was spanisches Bier ist?" Unser Bild zeigt Seife "Lily" und Scheuermittel "Ata".

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