Sommerplatten für den Frühherbst

28. August 2003, 13:59
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Junge britische Cowboys, amerikanische Psychedelic-Hirten und der gute alte Sodbrand aus Australien

CANYON
Empty Rooms
(Ixthuluh)
Große amerikanische Weiten, in denen der Geist von Tom Joad ebenso spukt wie die im Zusammenhang mit Americana-Rock obligaten Fixsterne Neil Young und Tom Petty über ausgedörrten Wüsten stehen und sehen, dass trotz akutem Wassermangels alles gut ist. Sänger Brandon Butler hat in seinem Leben gut hörbar nicht nur jede Menge Staub der Landstraße geschluckt, der ihn zu einem melancholischen Jungmeister seines Fachs macht. Die erhabenen, atmosphärischen und im besten Sinne langatmigen Songs dieses Europa-Debüts des US-Quintetts atmen neben der hoch aufgeladenen Luft einer postmodernistischen Country-Rockmusik auch kristalline Psychedelik. Das führt dann mitunter dazu, dass Pink Floyd sich den Cowboy-Hut aufsetzen und richtig gut werden.

SUPER FURRY ANIMALS
Phantom Power

(Sony)
Und dann war da noch die Geschichte, als die walisische Band gelangweilt in einem Hotelzimmer in Mailand abhing und einer beschloss, den Fernsehapparat aus dem Fenster zu werfen. Sänger Gruff war dagegen, weil dies zu sehr üblen Rock'n'Roll-Klischees entsprechen würde. Nach längerer Diskussion entschieden sich die Super Furry Animals, alle Einrichtungsgegenstände aus dem Fenster zu werfen - außer dem Fernseher. Wer sich jetzt ein wildes, wüstes Rockalbum oder auch nur eine aktuellere Ausgabe von Oasis erwartet, dürfte enttäuscht werden. Hier geht es um das beständige Nichterfüllen von Erwartungshaltungen. In Opposition zum dominierenden Brit-Pop aus London wirft sich das Quintett der kalifornischen Sonne entgegen, verwendet Pedal Steel und Chorgesänge im Stil von Simon & Garfunkel, experimentiert mit gestopfter Jazztrompete ebenso wie mit japanischer Kinderelektronik und britischer Psychedelik. So entsteht ein kraftvoll aus den Boxen rumsender Schlaffsack-Pop, dessen Geschichte von den Beach Boys über Velvet Underground herauf bis zum abstrakten Techno eines Plasticman reicht und sich gegenwärtig für Billy Ocean und den Soundtrack von Ghostbusters interessiert. Falls man Sänger Gruff in Interviews ernst nehmen kann.

THE CORAL
Magic And Medicine
(Sony)
Die sechs blutjungen britischen Buben klingen auf ihrem zweiten Album auch schon wie alte abgefeimte Songwritergrößen aus dem Gelobten Land Amerika. Im Gegensatz zu früher hat man die käsigen Doors-Einflüsse inklusive Orgel und Jim-Morrison-Pathos etwas zurückgeschraubt und setzt jetzt lieber auf eine Verbindung von Country im Stile von 16 Horsepower, zünftigem Rock von CCR und, wie die Band meint, "Gypsy Folk". Natürlich hört man hier immer noch sehr, sehr deutlich, dass man in Großbritannien beheimatet ist. Das Gerücht aber, dass England der jüngste Bundesstaat des USA sei, kursiert schon länger.

THE BLACKEYED SUSANS
Shangri-La
(Rave Up: (1) 596 96 50)
Wer zwischendurch gern Musik von Erwachsenen hört, greife auf das neue Album dieser australischen, aus den Überresten der legendären Triffids entstandenen Band zurück. Nach dem herzergreifenden Coverversionen-Album Dedicated To The Ones We Love und Tina Turners Private Dancer in einer unglaublichen Branntwein-Fassung jetzt wieder eigene Songs im Zeichen von Melancholie und Sodbrennen.

THE FRENCH
Local Information
(Musica)
Ein Nebenprojekt der ewig unterschätzten britischen Low-Fi-Folk- und Electronica-Band Hefner, die zuletzt mit den Alben We Love The City und Dead Media überzeugen konnte. Wie die Stammband selbst dürften The French mir ihrem spinnerten Electronic-Pop und sarkastischen Songs über Kylie Minogue und Fans vom Wu-Tang Clan vor allem auch Fans von Jarvis Cocker und Pulp begeistern.
(DER STANDARD, Printausgabe, 22.8.2003)

  • SUPER FURRY ANIMALS Phantom Power (Sony)
    foto: sony

    SUPER FURRY ANIMALS
    Phantom Power

    (Sony)

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