Déjà-vu zum Draufsetzen

24. Oktober 2003, 14:10
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Retro-Design ist nicht nur nostalgischer Stil-Balsam und verbesserte Technik. Es hilft auch manch einer Firma bei der sorgfältigen Imagepflege

Es gab eine Zeit, da wunderte sich niemand, wenn erwachsene Männer riesige lila Sonnenbrillen aufsetzten und dazu breite gelbe Krawatten und hohe grüne Plateauschuhe trugen. zu Hause ließen sie sich auf ihrem Flokati nieder oder versanken in einen orangen Sitzsack, um mit der Besatzung des Raumschiffs Enterprise in unendliche Weiten vorzudringen. Zu diesem Zweck schalteten sie ihr rundes Fernsehgerät an, das zwei oder drei Programme empfangen konnte. Diese Zeit schien vorbei zu sein, doch manche Szenen wiederholen sich.

In die Werbespots sind die schrillen Männer mit ihren hippen Freundinnen zurückgekehrt und sie offerieren uns Produkte, die wir von früher kennen. Dinge aus unserer Kindheit geben uns das sichere Gefühl der Rückkehr ins zwanzigste Jahrhundert. Zufrieden fragen wir uns, "Sind wir nicht alle etwas Bluna?", und kleben wie damals die Prilblumen an die Kacheln.

Es müssen nicht die verrückten 70er-Jahre sein. Auch andere Dekaden lassen uns beruhigt spüren, dass wir auf bekanntes Terrain heimkehren. Beim Anblick eines Bosch-Kühlschranks aus der "Classic Edition" werden Erinnerungen an stromlinienförmige Haushaltsgeräte und Petticoat tragende Hausfrauen wach. Das redesignte Gerät sieht genauso aus wie das aus dem Jahr 1956 und hat dessen einzigartiges Flair. Anders als das Original beruhigt es auch unser Gewissen, denn das neue Modell ist umweltfreundlich und Strom sparend.

Wer die Zeit ein wenig zurückdrehen möchte, macht das wahrscheinlich am liebsten manuell. Für Liebhaber des sachlichen Designs hat Junghans die Armbanduhr, die das Bauhaus-Mitglied Max Bill im Jahre 1962 entwarf, mit einem hochpräzisen Schweizer Handaufzugswerk der neuesten Generation ausgestattet. Wer daran Gefallen findet, der sitzt sicher auch gerne auf Designklassikern wie dem streng geometrischen Sessel "Kubus" von Josef Hoffmann. Nicht auf einem Original von 1910 aus den Wiener Werkstätten, dessen Leder schon etwas abgewetzt ist. Die Firma Wittmann stellt Hoffmanns Möbel heute wieder in alter Handwerkstradition aus bestem Material her - unterstützt von moderner Fertigungstechnik.

Einigen Zeitgenossen passt diese Präzision nicht. Sie sammeln originales Design aus den Siebzigern und richten sich ihre Wohnwelt so ein, als lebten sie mitten in der Plastik-Ära. Ihre Einkaufsquellen sind Internetflohmärkte wie Ebay oder Markanto. Eine größere Auswahl an alten Braun-Stereoanlagen oder poppigen Artemide-Leuchten hat kein lokaler Secondhand-Laden zu bieten. Aber diese Art der Vintage-Design-Sammler, die ihre Umgebung und sich selbst als Teil eines Gesamtkunstwerks verstehen, ist selten.

Die meisten von uns haben sich mehr oder minder damit arrangiert, dass die Vergangenheit nicht wiederkommt. Doch erinnern wir uns gern, immer dann, wenn uns etwas emotional aus dem Gleichgewicht bringt wie die Jahrtausendwende, wachsende Arbeitslosenzahlen oder schwankende Sozialsysteme. Möbel, Autos oder Accessoires mit bekannten Formen aus wirtschaftlich besseren Zeiten geben uns das Gefühl, etwas Vertrautes um uns herum zu haben, den Überblick zu behalten. Traditionsreiche Firmen reagieren auf dieses Bedürfnis mit Retro-Design: "Erinnert ihr euch, wie der Ford Mustang GT losröhrte? Ihr könnt ihn wieder haben, nur moderner und viel schneller als damals und sogar in oranger Farbe!" oder "Ihr kauft lieber coole Kühlschränke auf dem Flohmarkt? Dann geben wir euch einen, der genauso aussieht, aber gut funktioniert und wenig Strom verbraucht."

Was motiviert die Firmen, alte Entwürfe zu überarbeiten und auf den neuesten Stand der Technik zu bringen? Das eingesparte Designerhonorar wohl kaum, denn oft sind Stiftungen oder Erben zu entlohnen. Zudem ist es schwieriger und kostenintensiver, ein Original zu überarbeiten, als ein Produkt von Grund auf neu zu entwickeln. Retro-Design stärkt vielmehr die Marke. Zwar erzielt ein Auto wie der "New Beetle" keine sensationellen Verkaufszahlen, doch kennt ihn jedes Kind. Sein aufpoliertes Image nützt vor allem auch dem Unternehmen Volkswagen und sorgt für stabile Umsätze mit anderen Modellen der Produktpalette. Diese Art der Imagepflege funktioniert aber meist nur mit großen, technischen Objekten der Produktkultur. Ausnahmen wie der "Wackel-Elvis" aus der Audi-Werbung bestätigen die Regel.

Nicht nur dem eigenen Hersteller Vitra hat der ab 1967 serienmäßig produzierte "Panton Chair" bei der Imagepflege geholfen. Viele andere Firmen wie Dual System oder Bauknecht setzten den futuristisch anmutenden Kunststoffstuhl in ihren Werbekampagnen ein. Er ist eines der stärksten Symbole aus einer Epoche, in der man dachte, im Jahr 2000 würde sich jeder in kleinen Flugmobilen fortbewegen. Damals galt er als Sensation, aber erst mit heutigen Mitteln gelingt es, die wellenförmige Vollkunststoffschale des Panton Chair aus Hartschaum so stabil zu machen, wie es sich der Designer Verner Panton vorgestellt hatte.

Auch bei anderen Retro-Designs werden neue Materialien und moderne Herstellungsverfahren eingesetzt, um vertraute Formen in verbesserter Qualität auf den Markt zu bringen. Die geometrisch gemusterte Kollektion "mydate" von Marburg Tapete hat deutliche Vorteile gegenüber ihren Vorgängern aus den Siebzigerjahren. Sie ist lichtbeständiger, atmungsaktiv und schwer entflammbar. Die orange-rote Pop-Leuchte "Nesso" von Artemide, eine Ikone italienischen Designs aus den Endsechzigern, ist mit verbesserter Schaltertechnik wieder zu haben.

Nicht jeder mag solche Gegenstände im Retro-Design. Panton Chairs, Max-Bill-Uhren oder Ford Mustangs sind Nischenprodukte und werden es auch in Zukunft bleiben. Viele andere Ikonen vergangener Designdekaden kann man nur noch auf dem Flohmarkt oder bei Ebay finden. Bei der Internetsuche tauchen Dinge auf, an deren Existenz ich nicht mehr geglaubt hatte: Seit kurzem bekommen manche Kinder den Schreibtisch, "Flötotto optimal", den sich ihre Eltern vielleicht schon als Kind so sehr gewünscht hatten. (Der Standard/rondo/Heike Edelmann/22/08/2003)

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    fotos: hans hansen für vitra
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    fotos: hans hansen für vitra
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