Flash Mobs

29. August 2003, 10:13
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Flash-Mobs nennen sie ihre temporären Zusammenrottungen zum Zwecke von - ja was eigentlich?

+++PRO
von Thomas Rottenberg

Ich durfte nicht mitmachen. So etwas ist für einen gerade nicht mehr Halbwüchsigen hart. Das hinterlässt Spuren. Aber jetzt geht es mir gut. Denn ich war doch noch Teil eines Flash Mobs. Die Sache war damals so wie heute: Nur Auserwählte bekamen die Einladung. Man versammelte sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort. Bekam Aufgaben. Musste die in der Gruppe ausführen: Im Kreis gehen. Sich klein machen. Absurde Anreden brüllen. Ideen von Leuten ausführen, die so aussahen, als würden sie weder lesen noch schreiben können und sich auch so benahmen.

Damals, vor Jahren, wussten wir nicht, dass das Flash Mob heißt. Aber über Sinn-, Hirn-, Nutz- und Sonstwasnochlosigkeit der Grundidee bestand kein Zweifel. Auch wenn ein paar - amtlicherseits für gescheit erklärte - Leute referierten, dass dieses Tun schon deshalb nicht schwachsinnig sei, weil es ja alle täten. Eine kurze Zeit, sagten sie, sei uns zuzumuten. Und im Nachhinein würden wir schon sehen, dass es erstens nicht schlimm, zweitens zum Teil sinnvoll und drittens deshalb super gewesen sein würde.

Siehe da: Währenddessen klagten meine Freunde, man versuche ihnen das Hirn zu amputieren. Danach verklärte sich die Erinnerung: Mittlerweile war alles super. Ich habe das nie verstanden. Weil ich nicht mitmachen durfte: Ich war "untauglich". Aber als heuer "Flash Mobs" modern wurden, musste ich vor keine Stellungskommission. Ich bin dann in der Gruppe im Kreis gelaufen, habe mich klein gemacht und seltsame Worte gerufen. Und Bingo: Endlich fühle ich mich als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft.

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CONTRA---
von Karl Fluch

Menschen mit zu viel Tagesfreizeit werden oft wunderlich. Und das nicht nur wegen der Zäsur der Pension, nach der dann etwa plötzlich die Hosenbünde bei Männern zur Brust raufwandern und sie Appetit auf 40 Jahre jüngere Sexualpartner verspüren lässt. Bereits der junge Mensch neigt heute schon zum Müßiggang und zur Exzentrik. Kaum flaut die Mode, sich Metallteile durch allerlei mögliche und vor allem unmögliche Körperteile zu stechen einigermaßen ab, frönen sie neuem, nun sogar aktionistisch organisiertem Übermut. Flash-Mobs nennen sie ihre temporären Zusammenrottungen zum Zwecke von - ja was eigentlich? Lustig klatschen? Sich allesamt auf den Boden werfen? Im Kreis marschieren und dabei Tierlaute nachstellen? Möglicherweise muss man beim Bundesheer gewesen sein, um sinnlose Massenbeschäftigungen als etwas zu empfinden, an dem man teilnehmen möchte. Auch notorische Synchronschwimmer oder ein Morbus Dorfkapellmeister gehen noch als entschuldbare Defekte durch.

Als ehemaligem Zivildiener jedoch, als herdenscheuem Zyniker und Einzelkind, als Monoskifahrer, als Einhandklatscher und Verschwörungsgegner sind mir derlei Menschenaufläufe samt publiker Erregung wesensfremd. Das letzte Mal, als ich öffentlich in die Knie gegangen bin und ohne Rücksicht auf mein Ansehen laut "Yesss!" in die Welt brüllte, war es wegen dem Soul-Gott O. V. Wright, dessen Musik ich damals in meinem Discman lauschte. O. V. war das sogleich unangenehm: "Please forgive me", flehte er unvergleichlich. (Der Standard/rondo/22/8/2003)

  • Artikelbild
    foto: epa/schiavella
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