Das Ende des Prager Frühlings

25. August 2003, 19:21
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... vor genau 35 Jahren wurde er nieder gewalzt - für ein Drittel der Russen heute immer noch eine gute Sache

Prag/Wien - In der Nacht auf den 21. August 1968 rollen Panzer in die Tschechoslowakei. Die Truppen des Warschauer Pakts wollten damit den "Prager Frühling" ersticken, also die Versuche unterbinden, einen totalitären Kommunismus zu reformieren. Das war vor 35 Jahren. Vor 13 Jahren sagte der damalige tschechoslowakische Präsident Vaclav Havel: "Das tschechoslowakische Volk hat durch die Okkupation 20 Jahre verloren, jetzt darf es keinen einzigen Tag mehr verlieren."

Fünf Brüder halfen ...

Die Operation mit dem Decknamen "Donau" wurde von fünf Staaten getragen. Bulgarien, die DDR, Ungarn, Polen und die Sowjetunion schickten zusammen 100.000 Soldaten. 2.300 Panzer und 600 Flugzeuge überfielen die Tschechoslowakei in der ersten Phase. Mehr und mehr Soldaten marschierten ein. Die Zahl schwoll auf 750.000 Mann und 6.000 Panzer an. Einige wenige Bürger stellten sich ihnen in den Weg - gewaltfrei. Die Menschen drehten Straßenschilder um, damit die Panzer wieder zurück nach Polen fuhren, diskutierten mit den Soldaten, beschimpften sie oder überreichten ihnen Blumen.

Die Invasion diente offiziell der "Bruderhilfe". Doch diese "Hilfe" der Warschau-Pakt-Partner kostete 72 Menschen das Leben, 266 wurden schwer verletzt.

Was davor geschah

Die "Konterrevolution", die es zu stoppen galt, begann eigentlich schon in den 60er-Jahren. Mit der Wirtschaft ging es bergab, Versorgungsengpässe nahmen zu, Studenten und Intellektuelle protestierten auf den Straßen. Als im Jänner 1968 Antonin Novotny als Parteichef zurücktreten musste, übernahm der Slowake Alexander Dubcek das Amt. Das Ziel des überzeugten Kommunisten war ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Der neue Präsident Ludvik Svoboda (zu deutsch: Freiheit) unterstützte Dubcek. "Se Svobodou za svobodu" ("Mit Svoboda in die Freiheit") wurde von da an das Motto des Prager Frühlings.

Reformen in Richtung Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit setzten ein, die Zensur wurde abgeschafft. Die Planwirtschaft sollte liberalisiert werden. Eine offene Debatte begann. Man durfte plötzlich sagen, was man wollte. Nur Kritik an den Russen war tabu. Auch die führende Rolle der Kommunistischen Partei blieb unangetastet. Neue politische Gruppierungen entstanden. Eine Protestschrift - das "Manifest der 2.000 Worte" - wurde von mehr als 10.000 Menschen unterschrieben. Die Alarmglocken mussten in Moskau geschrillt haben. Dubcek versuchte mit der Sowjetunion zu verhandeln. Zunächst, im Juli 1968, waren die Gespräche erfolglos. Wenige Tage später gab es eine Einigung über Tempo und Ausmaß der Reformen.

Eine scheinbare Einigung. Kurz darauf wurde die neu gewonnene Freiheit niedergewalzt, niedergeschossen. Die Parteiführung wurde verhaftet und nach Moskau gebracht. Dort wurde sie verpflichtet, die Reformen rückgängig zu machen und auf die sowjetische Linie einzuschwenken, wie Dubcek nach seiner Rückkehr mit weinerlicher Stimme verkündete. Eine Welle der Auswanderung setzte ein, ähnlich wie nach dem Februar 1948, als die Kommunisten die Macht im Land übernommen hatten. Tausende Tschechen und Slowaken kamen nach Österreich. In Wien bekamen sie gratis Essen und Quartier. Mitte Oktober 1969 wurde die Emigration gestoppt, der Eiserne Vorhang fiel wieder herab. Dubcek musste abdanken.

Verlorene Jahre

Die sogenannte "Normalisierung" begann. Medien wurden gleichgeschaltet, Erziehung im Sinne der Liebe zur Partei setzte ein. Intellektuelle, die sich nicht beugen wollten, verloren ihren Arbeitsplatz, wurden Fensterputzer, Heizer oder Hilfsarbeiter. Viele bekamen keine Chance auf angemessene Bildung, keine Wohnung. Viele verloren auch das Interesse an der Politik. Sie arrangierten sich mit dem System, gaben sich mit einem Wochenendhäuschen, ihren Ladas und Skodas zufrieden.

23 Jahre blieben die sowjetischen Truppen im Land. Erst Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, am 27. Juni 1991, verließ der letzte sowjetische Soldat das Land. Der Warschauer Pakt löste sich kurz darauf auf. 21 Jahre nach der Invasion schafft es Moskau, sie zu verurteilen. Der Einmarsch sei eine "Einmischung in die inneren Angelegenheit der Tschechoslowakei gewesen". Für viele Menschen sind diese Worte nur ein geringer Trost, die verlorengegangenen Jahre bringen sie ihnen nicht wieder zurück. Aber wenigstens lebt der Name weiter: "Prager Frühling" ist ein jährlich wiederkehrendes internationales Musikfestival geworden.

Meinungslage in Russland

35 Jahre nach der gewaltsamen Niederschlagung des "Prager Frühlings" hält immer noch ein Drittel der Russen den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei für gerechtfertigt. In einer Umfrage zu dem Jahrestag befürworteten 34 Prozent der Befragten die Invasion vom 21. August 1968, meldete die Agentur Interfax am Mittwoch. 33 Prozent verurteilten die Unterdrückung der Prager Reformbewegung für einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Ein weiteres Drittel äußerte sich in der Umfrage des Moskauer Forschungsinstituts VZIOM unentschieden.

Die Verteidiger der sowjetischen Invasion führten als Argument an, nur so habe der sozialistische Staatsaufbau in der Tschechoslowakei bewahrt werden können. Die sowjetischen Truppen hätten ein größeres Blutvergießen verhindert. Eine kleine Gruppe von vier Prozent der 1.500 Befragten sagte, die Besetzung der Tschechoslowakei habe sie endgültig davon überzeugt, dass der sowjetische Kommunismus undemokratisch sei. (APA/CTK)

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