Ein großes Spiel braucht große Felder

27. August 2003, 11:49
11 Postings

Ex-ÖFB-Mitarbeiter Heinz Palme, seit zwei Jahren bei der WM-Organisation 2006, erzählt vom Fußball, Deutschland und Österreich

Wien/Frankfurt - Wenn er aus seinem Büro in Frankfurt aufs Spielfeld der Eintracht schaut, fällt ihm der Unterschied zu österreichischen Verhältnissen ins Auge: "Die haben da als Zweitligist konstant relativ wenige Zuschauer", sagt Heinz Palme, "so 15.000 Zuschauer." Das Wiener Derby, heißestes Match Österreichs, füllte mit ca. 18.000 Zusehern das Hanappi-Stadion.

Der kleine Unterschied

Palme: "Hier geht's seit 40 Jahren, als die Bundesliga gegründet wurde, bergauf. Mit allen Problemen, auch sportlicher Natur. Die Vereine wuchsen zu professionellen Dienstleistern. In Österreich funktioniert das Büro der Vereine auch. Aber wenn Rückschläge kommen, im Team oder bei Sturm Graz, fällt alles gleich um 30, 40 Prozent runter."

Die große Kompetenz

Das deutsche WM-Organisationskomitee suchte 2001 einen umfassend begabten und kompetenten Mann, der die zentrale Planung leiten sollte. Heinz Palme, Pressechef und später Leiter zweier ÖFB-EM-Kampagnen für 2000 und 2004, nebenbei auch Pressechef von WM-Standorten in den USA 1994 und Frankreich 1998, erhielt den Job. Palme: "Gefragt war der ganzheitliche Ansatz, die Kompetenz, sich um alle Aspekte eines Turniers kümmern zu können."

Der Libero

Er sitzt quasi als "Libero, der für alles zuständig ist" im Zentrum des Organisationskomitee-Netzes, leitet vom Ticketing über die Hospitality (VIP etc.) bis zum Spielplan alle Teilbereiche. Palme: "Wir schauen drauf, dass alle Abteilungen zu allen Infos Zugang haben." Er kontrolliert die Fortschritte, setzt Deadlines, überwacht die Einhaltung der "Meilensteine, Dinge, die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt absolut fertig haben müssen" und entwickelte einen Zeit- und Raumplan für die FIFA-Inspektionsreise im Mai. Wenn ein neues Problem auftaucht, wie ein Eventualspielplan für 36 (statt der üblichen 32) WM-Teams, kümmert sich Palme drum, "bis die Aufgabe zugeteilt wird". Das Ticketing wird beispielsweise vollelektronisch abgewickelt werden, eine der vielen Qualitätsverbesserungen, die den Vereinen neben der Stadienmodernisierung, der Begeisterung und den Infrastrukturkorrekturen rundherum nach dem Ende der WM bleiben.

Die Voraussetzungen

Ein kleines Land wie Österreich mit seiner schwachen wirtschaftlichen Power werde nie eine WM ausrichten können, sagt Palme: "Da braucht es Stadien mit mindestens 40.000 Sitzplätzen." Auch die Euro 2008 hätte Österreich ohne den Partner Schweiz nicht gepackt. Das WM-Budget 2006 beträgt 400 Millionen Euro, die WM wird ein Geschäft werden, meint Palme.

Die Faszination

Aber auch ein Wirtschaftsriese wie Deutschland spielt sich nicht mit einem solchen Monsterturnier. Die 15 Global Partners der FIFA zahlen viel Geld, davon kriegt der Veranstalter genau null Euro. Diese 15 Konzerne wie Coca-Cola haben Branchenexklusivität. "Das deckt ungeheuer viel ab, es ist für uns nicht einmal so einfach, die sechs nationalen Großsponsoren aufzutreiben, wir haben erst vier." Obwohl von den FIFA-15 nur Continental und Telekom direkt auf dem deutschen Markt platziert sind. Palme: "Da merkt man natürlich auch die Lage der Wirtschaft." Aber die Begeisterung für den Fußball ruhe tief drinnen im Deutschen. Auch wenn das Nationalteam nicht gut ist, das Bedürfnis, dabei zu sein, lebt. Palme: "In Österreich würde vielleicht jeder Zweite sagen, fahr ma hin, die andere Hälfte würde die Mühe scheuen. Hier kenne ich keinen, der nicht unbedingt zum Länderspiel nach Stuttgart fahren will." (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 21. August 2003, Johann Skocek)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Heinz Palme

Share if you care.