Logik kontra Augenmaß

25. September 2003, 17:18
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Kostenersatz bei den heimgeholten Sahara-Geiseln ist Ausnahmesituation

Warsch nit auffi g'stieg'n, warsch nit oig'folln" - die zwingende Tiroler Logik "zur Hintanhaltung von Bergsteigerunfällen" lässt sich analog auf alle Gefahrenquellen anwenden; vom Autofahren bis zu Abenteuerreisen in die Sahara. Völlig klar ist zum Beispiel, dass eine Abschleppfirma einem Autofahrer das Abholen seines defekten Autos verrechnet. Und Kostenersatz bei den heimgeholten Sahara-Geiseln zu verlangen ist grundsätzlich auch im Rahmen des Logischen.

Wäre da nicht die Ausnahmesituation: Die deutsche Regierung hat sich monatelang für ihre Bemühungen feiern lassen, fortgesetzt wurde von "großer Sorge um die Geiseln" gesprochen. Tatsache ist: Niemand von dieser Regierung wollte bisher offiziell zugeben, dass um Lösegeld verhandelt wurde und dieses letztlich auch geflossen ist. Die algerische Regierung, hört man, hätte niemals einer Lösegeldzahlung zugestimmt, nun hat jene in Mali gezahlt und soll es als deutsche "Wirtschaftshilfe" wieder zurückbekommen. Die deutsche Regierung steht dadurch als "nicht erpressbar" da. Und Algerien blieb für das Außenamt ein Land, vor dem man Reisende nicht besonders warnen sollte. Das waren politische Tricks, die einiges an Zeit kosteten - Zeit, in der die Geiseln täglich um ihr Leben zitterten.

Den "Abenteurern" (Reisen in die Sahara werden über Tourismusbüros verkauft wie eine Käseverkostungstour durch die Schweiz) nach sechs Monaten Todesangst Rückholkosten abfordern zu wollen, noch bevor die zu Hause angekommen waren, macht sich gut im neoliberalen Klima, in dem ja die Eigenverantwortung des Menschen gedeihen soll.

Auf den Kostenersatz zu verzichten wäre dagegen ein mit Augenmaß ausgedrückter Dank - an ehemalige Geiseln, auf deren Nervenkosten politisch gepokert wurde. (DER STANDARD, Printausgabe 21.08.2003)

Von Klaus-Peter Schmidt
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