Web-Pillen im Anrollen

28. August 2003, 19:02
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Medikamente aus dem Internet sind nach dem jüngsten Spruch der Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof kaum mehr aufzuhalten - Österreich ist aber schlecht darauf vorbereitet

Wien - Das österreichische Verbot des Onlinehandels mit Medikamenten sei nicht mehr zeitgemäß, es stütze bloß die überhöhten Medikamentenpreise des Detail- und Großhandels, sagen Kritiker. Ein schon längere Zeit zurückliegendes Erkenntnis des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) betont, dass gesundheitspolitischer Missbrauch nicht dadurch verhindert werden dürfe, indem gewisse Vertriebsschienen verboten werden.

Im Herbst sollen die Richter des EuGH über das Verbot, das fast in der ganzen EU gilt, entscheiden. Wenn sie den Empfehlungen der EU-Generalanwältin Christine Stix-Hackl folgen, wird der Versandhandel für rezeptpflichtige Arzneien schon bald legal.

"In Österreich gehen Uhren anders"

"In Österreich gehen die Uhren offensichtlich anders", sagte Hans Zeger, Obmann der Arge Daten, dem STANDARD. "Das Urteil blieb ohne Konsequenz. Die Medikamentenabrechnung der Apotheken erfolgt über Uralttechniken, völlig ungesichert über das Internet. Zudem handelt es sich bei Gesundheitsdaten um sensible Informationen. Es müssen aus Datenschutz- und E-Commerce-Sicht eine Reihe relativ einfacher technischen Bedingungen berücksichtigt werden."

In Deutschland habe man auf die EuGH-Erkenntnis reagiert und begonnen, den Vertrieb logistisch vorzubereiten.

Millionen einsparen

"Auch in Österreich könnten durch ein durchdachtes Medikamentenbestell- und -vertriebskonzept Millionen eingespart werden", so Zeger. Im ersten Schritt sollten sofort und kostenlos Informationen über die am häufigsten genutzten Medikamente online bereitgestellt werden.

Weiters seien Rahmenbedingungen für den Onlinehandel zu schaffen. Sofern es gute E-Commerce-Lösungen gebe, könnte mittels Onlinebestellung der teure und mit Handelsspannen überzogene Arzneimittelvertrieb zurückgedrängt werden. Der offizielle Internethandel mit Medikamenten werde mit vorgeschobenen Gesundheitsargumenten unterdrückt. Zum Schaden der Konsumenten, wie die Arge Daten meint. Diese müssten sich dann über unbekannte ausländische Web- und E-Mail-Anbieter versorgen und mit Medikamenten eindecken - mit unbekannten Wirkungen, ohne Beipackzettel und ohne Hinweise auf Nebenwirkungen und Risiken.

Der Internet-Medikamentenhandel floriert trotz des Verbotes auch in Österreich. Offizielle Zahlen existieren nicht, aber in den Bereichen Verjüngungskuren, Potenzmittel und Schönheitsprodukte dürfte der Markt Schätzungen zufolge Dutzende Millionen Euro ausmachen. (Sarah Wagner, Der Standard, Printausgabe, 21.08.2003)

  • Pillen sollen bald auch Online geordert werden können
    foto: photodisc

    Pillen sollen bald auch Online geordert werden können

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