Kelly-Affäre: Waffenexperte deutete seinen Tod schon vor dem Irak-Krieg an

23. August 2003, 20:59
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Neue Zeugenaussagen - Minister Hoon der Einflussnahme auf Befragung beschuldigt: Parlamentarier sollten nicht nach ABC-Waffen im Irak fragen

London - Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon hat nach Angaben eines Abgeordneten Einfluss auf die öffentliche Befragung des Waffenexperten David Kelly genommen. Hoon habe der zuständigen Parlamentskommission für die Anhörung Kellys im Juli eine Dreiviertelstunde gegeben, sagte der Kommissionsvorsitzende Donald Anderson am Donnerstag in London. Der Minister habe ferner gefordert, dass sein Mitarbeiter sich nicht zur Frage der Massenvernichtungswaffen und zur Vorbereitung des umstrittenen Regierungsdossiers zum Irak äußern müsse.

Anderson äußerte sich vor dem Untersuchungsausschuss, der unter Führung von Lordrichter Brian Hutton den Tod von Kelly klären soll. Die Bedingungen seien ihm damals "vernünftig" erschienen, sagte der Vorsitzende des Außenausschusses des britischen Unterhauses weiter. Seine Kommission hatte demnach zu dem Zeitpunkt bereits mehrere Zeugen in der Frage möglicher ABC-Waffen in Irak vorgeladen.

Blair soll kommenden Donnerstag vor Kelly-Ausschuss aussagen

Der britische Premierminister Tony Blair und sein Verteidigungsminister Geoff Hoon werden dem Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Kelly-Affäre in der kommenden Woche Rede und Antwort stehen. Das sagte der Ausschussvorsitzende, Lordrichter Brian Hutton, am Donnerstag in London.

Zeuge berichtet, Kelly habe seinen Tod schon vor dem Irakkrieg angedeutet

Unterdessen sagte ein neuer Zeuge aus, der Waffenexperte und Angestellte des Verteidigungsministeriums David Kelly habe seinen Selbstmord bereits vor dem Krieg gegen den Irak angedeutet. David Broucher, Beamter im Londoner Außenministerium, hatte nach seiner Aussage am Donnerstag vor dem Ausschuss den früheren UNO-Waffeninspektor im Februar in Genf getroffen. Dort habe Kelly ihm auf die Frage, was geschehe, wenn der Irak angegriffen werde, geantwortet: "Möglicherweise werde ich tot im Wald gefunden werden."

"Moralischer Zwiespalt" Nach den Angaben befand sich Kelly, der die UNO-Waffeninspektionen im Irak für angemessen und ausreichend hielt, hinsichtlich des möglichen Krieges in einem "moralischen Zwiespalt". Denn er habe den Irakern versichert, dass ihr Land nicht angegriffen werde, wenn sie mit den Inspektoren der Vereinten Nationen konstruktiv zusammen arbeiten würden, sagte Broucher. Tags zuvor war bei der Befragung des Blair-Sprechers Tom Kelly vor dem Ausschuss erneut deutlich geworden, dass Downing Street Anfang Juli aktiv an der Diskussionen um die Identifizierung Kellys beteiligt war. Blairs engster Berater und Kommunikationschef Alastair Campbell soll danach vorgeschlagen haben, der Presse den Namen des Waffenexperten "zuzustecken". Diese Idee sei dann jedoch als "schlecht" verworfen worden. Kellys Name war nach bisherigen Berichten aus den Reihen des Verteidigungsministeriums an die Öffentlichkeit durchgesickert.

Kelly war geschockt über Bekanntgabe seines Namens

Nach der Bekanntgabe seines Namens habe Kelly geschockt gewirkt, erklärte der "Sunday-Times"-Journalist Nick Rufford am Donnerstag vor dem Ausschuss. Wenige Tage vor seinem Termin vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss habe Kelly bei einem Treffen gesagt, er sei "etwas schockiert", dass sein Name den Medien genannt worden sei. Schon in den vergangenen Wochen sei es nicht einfach für ihn gewesen, habe der Waffenexperte erklärt. Kelly habe bei dem Treffen blass und müde ausgesehen. (APA/dpa/AP/Reuters)

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    britische Verteidigungsminister Geoff Hoon hat nach Angaben eines Abgeordneten Einfluss auf die öffentliche Befragung des Waffenexperten David Kelly genommen.

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