EU ohne Sprachen

27. August 2003, 18:10
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Der Nationalstaat beherrscht in jeder Hinsicht den Alltag und die Perspektiven der Europäer - eine Kolumne von Paul Lendvai

Die bevorstehende Erweiterung der Europäischen Union und zugleich die große Debatte über den Umbau der Institutionen beschäftigen die zuständigen Ministerien und Kanzleien, aber (noch) kaum die breitere Öffentlichkeit. Die regelmäßigen Erhebungen der öffentlichen Meinung in den EU-Ländern lassen mit aller wünschenswerter Deutlichkeit erkennen, dass sich auch viereinhalb Jahrzehnte nach den Römischen Verträgen neun von zehn EU-Bürgern als Angehörige ihrer Nation fühlen. Der Nationalstaat beherrscht in jeder Hinsicht den Alltag und die Perspektiven der Europäer. Trotz der gelungenen Umstellung auf den Euro in den meisten Ländern kann von einer Europäisierung der Identität, des Lebenstils und der Perspektive kaum die Rede sein. In den Medien - und keineswegs nur in den elektronischen - dominieren die Themen aus dem eigenen Land und sodann der Nahe Osten und Asien, wobei das Interesse an den USA (nicht nur wegen der Terroranschläge oder des Irakkrieges) normalerweise größer ist als das an den EU-Partnerländern. Vor allem werden, auch im Geschichtsunterricht, die mittel-, ost-und südosteuropäischen Staaten, also auch die EU-Kandidaten meist ignoriert.

Es gehört zu den paradoxen, wenn auch oft verdrängten Tatsachen, dass die Kommunikation selbst auf der höchsten Ebene zwischen den Staatsmännern in englischer Sprache geschieht. Nicht nur Giscard D'Estaing und Helmut Schmidt, sondern auch ihre Nachfolger Chirac und Schröder führen formlose bzw. Telefongespräche ebenso auf Englisch wie Kommissionspräsident Prodi oder sein Erweiterungskommissar Verheugen mit den polnischen oder slowakischen Regierungschefs. Die einzige Ausnahme bildet vielleicht der ungarische Ministerpräsident Medgyessy, dessen erste Fremdsprache Französisch ist, und die traditionell frankophilen rumänischen Politiker, wobei Ministerpräsident Nastase auch ausgezeichnet Englisch spricht. Dass polnische, tschechische und erst recht serbische und kroatische Spitzenpolitiker sich auch auf Russisch unterhalten können, ist eine Erbschaft aus der Sowjetzeit. In Wirklichkeit ist Englisch die Grundlage der europäischen Kommunikation.

In der EU werden demnächst die Simultandolmetscher Verstärkung bekommen, vor allem jene, die der ungarischen oder estnischen, lettischen oder slowenischen Sprache mächtig sind, haben eine große Zukunft dort. Man darf allerdings die institutionelle oder politische Ebene nicht mit dem Alltag der Europäer verwechseln. In Wirklichkeit beherrschen laut den Umfragen fast die Hälfte aller EU-Bürger ausschließlich ihre Muttersprache. Als Zweitsprache dominiert das Englische (41 Prozent), dann folgt Französisch (19), Deutsch (zehn) und Spanisch (sieben).

Bleibt noch die Frage, wie gut eigentlich die Sprachkenntnisse sind. Die osteuropäischen Sprachen werden fast pauschal ignoriert. Auch in Österreich ist es selten, dass junge Menschen ohne verwandtschaftliche Beziehungen Ungarisch, Slowakisch, Tschechisch oder Polnisch lernen. Kürzlich sagte mir ein steirischer Bankangestellter, er habe beschlossen, dass sein Sohn nicht, wie ursprünglich geplant, Französisch, sondern Ungarisch lernen sollte. Angesichts der sprunghaften Steigerung des Handels und der Investitionen sind die Chancen für einen jungen Österreicher, der Ostsprachen spricht, wesentlich größer als für jene, die Englisch oder Französisch lernen. Übrigens steht es auch in Ungarn nicht sehr gut mit den Fremdsprachenkenntnissen. Angeblich soll der sprachkundige Regierungschef zwei wichtigen Ministern ein Ultimatum gestellt haben, sie sollten sich innerhalb eines Jahres Grundkenntnisse in Englisch aneignen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.7.2003)

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