Überfall auf die Forschung

27. August 2003, 18:10
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Die Budgetkürzungen im universitären Bereich sind nicht nur ein schwerer Schlag für die Grundlagenforschung. Es ist viel schlimmer. Sie vertreiben von den Hochschulen vor allem deren wichtigstes Kapital: junge Forscher - ein Kommentar der anderen von Wolfgang Wieser

Die finanzielle Situation der Grundlagenforschung in Österreich ist mehr als bedrohlich: Das Budget des Wissenschaftsfonds FWF, der den Großteil der Drittmittel zur Finanzierung dieser Art von Forschung an den Universitäten beisteuert, wurde im Vergleich zum Vorjahr um fast 20 Prozent gekürzt.

Bereits bewilligte Projekte können nicht finanziert werden, Mitarbeiter bangen um ihre Stellen, Spitzenforscher denken ans Auswandern. Es wäre ein Fehler, nicht darauf zu verweisen, dass diese Hiobsbotschaft nur die Spitze eines Eisbergs der Kalamitäten in der Forschungslandschaft ist. Die Bundesregierung hat durch eine Reihe von Maßnahmen die Ausbildung jener Generation junger Menschen erschwert, auf der - würde alles mit rechten Dingen zugehen - die Hauptlast und -verantwortung für das Erreichen eines Zieles ruht, das auf der Homepage des Bildungsministeriums vollmundig mit "Weltklasse-uni.at" angekündigt ist. Ein neues Dienstrecht hat die Perspektiven der für eine akademische Karriere Geeignetsten verdüstert. Die Zeichen an der Wand sind bereits deutlich zu lesen: Während für die ausgeschriebene Planstelle eines Universitätsassistenten früher Dutzende von Bewerbungen eintrafen, gab es im heurigen Jahr in mir bekannt gewordenen Fällen nur mehr Einzelbewerbungen, manchmal interessierte sich niemand.

Weiters hat die so gut wie totale Entfernung des Mittelbaus aus sämtlichen Entscheidungsgremien auch die Motivation jener Gruppe von Akademikern zerstört, auf der noch immer die Hauptverantwortung für die Lehre ruht; aus der sich letzten Endes die Nachfolger jener Klasse von Professoren rekrutieren soll, in deren Händen nach herrschender Meinung die ausschließliche Entscheidungskompetenz für das Wohl und Wehe der Universitäten liegen soll: die "ordentlichen" Professoren (zu denen ich mich ebenfalls 27 Jahre lang zählen durfte). Die Tendenz, das Schiff zu verlassen, nimmt zu. Am dramatischsten und von unmittelbarster Konsequenz für die Operationsfähigkeit der Universitäten ist jedoch die Tatsache, dass die Budgets der Institute in einem nicht für möglich gehaltenen Ausmaß (und überfallsartig) gekürzt wurden. Das eingangs erwähnte Beispiel des FWF kann unter diesen Umständen bei den Betroffenen nur ein müdes Lächeln hervorrufen.

Um nur ein Beispiel (das meines ehemaligen Instituts) zu nennen: Während das Budget (das ordentliche, nicht das für Investitionen gedachte außerordentliche, das bereits früher auf null gesetzt worden war) 2002 insgesamt 241.750 Euro betrug, ist es heuer auf 64.919 Euro, also um sage und schreibe 73 % abgestürzt! Die Mitteilung von diesem Ereignis erhielt das Institut erst, nachdem die Hälfte des Jahres verstrichen war, als die Vorbereitungen für den Lehrbetrieb im folgenden Semester also längst hätten in Gang gesetzt werden müssen. Es wäre schön, würden sich jene, die derartige Maßnahmen zu verantworten haben, an Ort und Stelle informieren, anstatt ihr Wissen über den Zustand der Universitäten den Deutungen willfähriger Zwischenträger zu entnehmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.7.2003)

Wolfgang Wieser ist emeritier- ter Universitätsprofessor am Institut für Zoologie und Lim- nologie in Innsbruck.
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