Ökonom: "Kein guter Deal für die 99 Prozent"

Interview12. April 2014, 12:00
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Die Schere zwischen Arm und Reich wird weiter aufgehen, warnt Thomas Piketty. Gegensteuern ließe sich mit einer Vermögenssteuer

Paris/Wien - Der französische Ökonom Thomas Piketty hält die wachsende Ungleichheit für "die zentrale Herausforderung unserer Zeit". In seinem 696 Seiten starken Buch Capital in the Twenty-First Century hat er zusammen mit anderen Volkswirten Daten aus über 20 Ländern und 300 Jahren Wirtschaftsgeschichte zusammengetragen. Demnach verdienen die zehn Prozent der Spitzenverdiener in den USA derzeit so viel wie seit 1928 nicht mehr, fast 50 Prozent des gesamten Einkommens. Auch in Europa habe sich die Balance zwischen Kapital und Einkommen seit 1950 dramatisch verschoben, warnt Piketty.

STANDARD: Sie haben ein Buch namens "Capital" geschrieben und warnen vor einer extremen Ungleichverteilung von Vermögen als Auswuchs des Kapitalismus. Wie viel Marx steckt in dem Buch?

Piketty: Ich teile die Sorge von Karl Marx über wachsende Ungleichheit. Seine Lösungen waren aber klarerweise nicht die richtigen. Ich bin ein Verfechter des Privateigentums und der Marktwirtschaft. Sie ist nicht nur effizienter, sie ist auch eine wichtige Voraussetzung für die persönliche Freiheit des Einzelnen. Ich glaube aber auch, dass es Dinge gibt, die Märkte nicht schaffen.

STANDARD: Zum Beispiel?

Piketty: Ohne Regeln führt die Marktwirtschaft zu einer extremen Vermögensverteilung, die das politische Überleben des Kapitalismus gefährdet. Es kann auf der einen Seite zu Anti-Globalisierungs-Tendenzen führen und auf der anderen zu Nationalismus. Heute besteht das Risiko, dass wir zu den extremen Verteilungen des 19. Jahrhunderts zurückkehren. Das sollten wir vermeiden.

STANDARD: Warum sollte eine ungleiche Verteilung drohen?

Piketty: Wenn man sich die Daten zu Vermögen und Einkommen in den vergangenen drei Jahrhunderten ansieht, gibt es eine ganz klare Kraft, die eine hohe Ungleichheit verursacht. Wenn die Gewinne des Kapitals so viel höher sind als das Wirtschaftswachstum, gerät die Verteilung aus den Fugen. Aktuell kann man wohl erwarten, dass das Wachstum der Einkommen pro Kopf bei ein bis eineinhalb Prozent liegen wird. Die Erträge des Kapitals aber liegen historisch viel höher, bei drei oder vier Prozent. Davon haben die Reichsten profitiert. Laut Zahlen von Forbes ist das Vermögen der weltweiten Milliardäre zwischen 1987 und 2013 um drei bis viermal schneller gewachsen als die Realwirtschaft. Wenn ein so hoher Teil des Wachstums beim reichsten Prozent der Bevölkerung hängen bleibt, ist das kein guter Deal für die übrigen 99 Prozent.

STANDARD: Lässt sich das verhindern?

Piketty: Wir brauchen eine progressive Vermögenssteuer. Das ist eine Idee, die nun selbst der Internationale Währungsfonds oder die Deutsche Bundesbank ernsthaft abwägen. Eine gute Steuer sollte bewirken, dass selbstverdientes Vermögen, mit Arbeit und Ideen geschaffen, weniger stark besteuert wird, als schlicht ererbtes Vermögen. Die Steuer sollte erst ab einer gewissen Grenze eingehoben werden und nicht fällig sein, wenn ein Mensch erst ein kleines Vermögen aufbaut.

STANDARD: In Österreich gibt es regelmäßig Debatten über eine Vermögenssteuer. Kritiker führen gerne ins Feld, dass sie schlicht zu einer Kapitalflucht führt.

Piketty: Das Problem ist für Österreich dasselbe wie für andere Länder. Hier braucht es Koordination. Die Europäer etwa haben Griechenland dazu gebracht, dass es Steuern für die reichste Bevölkerungsschicht einhebt. Das war ein sehr sinnvoller Vorschlag. Aber ohne gemeinsames Steuersystem in einer Währungsunion mit freiem Kapitalverkehr hat das nicht funktioniert. Es ist sehr einfach für einen griechischen Bürger, einen Knopf zu drücken und das Kapital in der Eurozone zu deutschen oder französischen Banken zu schicken. Das wurde ja auch zur Genüge gemacht.

STANDARD: Wäre Inflation nicht genauso eine Methode, damit Staaten aus den Schulden kommen?

Piketty: Inflation ist eine Möglichkeit eine finanzielle Krise hinter sich zu lassen. Sie war eine der Wege im 20. Jahrhundert, von hohen Staatsschulden herunter zu kommen. Das Problem ist, dass die Sparguthaben der einfachen Leute und der Mittelschicht zerstört werden. Viele Reiche haben aber Aktienportfolios oder Immobilienvermögen. Die werden unter der Inflation kaum leiden. Inflation ist wie eine Vermögenssteuer für die Ärmeren und die Mittelschicht. Sie ist nicht fair. Wenn es so hohe Vermögensbestände gibt und so hohe öffentliche Schulden, dann ist es ökonomisch verrückt, nicht zu besteuern.

STANDARD: Der dritte Weg wäre, dass die Staaten sparen, anstatt eine weitere Steuer einzuheben.

Piketty: Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass es zwar möglich ist, die Schuldenlast alleine mit Budgetüberschüssen abzutragen. Aber es dauert sehr lange. Im 19. Jahrhundert hat Großbritannien fast einhundert Jahre gebraucht, um von über 200 Prozent Staatsverschuldung im Jahr 1820 auf knapp 30 Prozent im Jahre 1914 zu kommen. Wenn wir heute fair und schnell von den Schulden runterwollen, brauchen wir eine progressive Vermögenssteuer.

STANDARD: Wäre es auch gerechter, bei der nächsten Bankenkrise auch Gläubiger zur Kasse zu bitten, um Steuerzahler zu entlasten?

Piketty: Die Gläubigerbeteiligung im Rahmen der europäischen Bankenunion ist wichtig. Aber es ist ein sehr grobes Instrument für die Verteilung von Kosten für eine Bankenkrise. Die Zypern-Krise hat das gezeigt. Der IWF und die EU haben eine Rettung der zypriotischen Banken ausgeschlossen, weil die Banken viel Geld von russischen Oligarchen hatten. Das Problem war aber, dass die Europäer keine Daten zu den Oligarchen hatten. Sie wussten nicht, ob es 100 oder 10.000 Oligarchen waren, oder wie hoch ihre Vermögen waren. Ohne Transparenz über die Vermögenswerte bei den Banken wird es schwierig sein, eine künftige Krise fair zu lösen.

STANDARD: In der Ökonomie gilt ein Mindestmaß an Ungleichheit als gut. Sie führt dazu, dass es Leistungsanreize gibt. Brauchen wir nicht auch ein wenig Ungleichheit?

Piketty: Das mag stimmen. Aber die Lektion des 20. Jahrhunderts ist, dass wir nicht die extrem ungleichen Zustände des 19. Jahrhunderts brauchen, um zu wachsen. Die Ungleichheit im 19. Jahrhundert war aber sinnlos, die vermögende Elite hat dem Wirtschaftswachstum kaum etwas gebracht. Das wurde erst im 20. Jahrhundert geändert, nicht nur durch die Depression und die Weltkriege, sondern auch soziale Institutionen wie die progressive Einkommenssteuer oder die Sozialversicherung. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 12.4.2014)

  • Ungleichheit ist ein globales Phänomen. Das reicht von Werbung für Luxusgüter in China über Proteste der "Occupy- Bewegung" in den USA bis zu Vermögenssteuern in Europas Krisenländern.
    foto: reuters/shen

    Ungleichheit ist ein globales Phänomen. Das reicht von Werbung für Luxusgüter in China über Proteste der "Occupy- Bewegung" in den USA bis zu Vermögenssteuern in Europas Krisenländern.

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    reuters
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