Bildungsblinde Schraubenfabrik

Kommentar11. April 2014, 17:48
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Wer ins Herz der Schule, den Unterricht, schneidet, begeht staatlichen Zukunftsraub

Österreich muss sparen. Für die Hypo. Wegen der Hypo. Und überhaupt. Für die heilige Zahl, um die die Regierung im Namen der Zukunft - und doch zukunftsvergessen - kreist: die Null. Ein (strukturelles) Nulldefizit wär' doch was zum Herzeigen! Meint Finanzminister Michael Spindelegger (ÖVP). Also Rotstift her und Budgets der Ministerien gehörig zusammenstreichen.

Da beginnt das wahre Drama. Die Beliebigkeit, mit der dieses Spardiktat verordnet wird, ist atemberaubend. Nicht genug damit, wie respektlos mit der Wissenschaftscommunity umgegangen wurde und wird. Für die Forschung gab es eine recht übellaunige, bis jetzt aber auch nur rhetorische Finanzzusage ohne konkrete Zahlen, und die darbenden Universitäten hängen überhaupt komplett in der Luft. Das ist inakzeptabel, eine Schande.

Aber es fügt sich ins Bild. Es zeigt sich eine Systematik zunehmend autoritärer Geistfeindlichkeit und Bildungsabwehr. Denn das, was - ausgerechnet! - den Schulen zugemutet wird, ist nicht weniger als eine gefährliche Zerstörungsstrategie. Verordnete Verblödung. Vorsätzlicher Chancenentzug. Staatlicher Zukunftsraub.

Alles, was von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) nun recht lapidar verlautbart wurde, nimmt vielen Schülerkohorten jede Chance, einigermaßen unbeschadet durch die Schule zu kommen, geschweige denn, sie möglichst erfolgreich zu absolvieren. Im zweitreichsten Land der EU wird das Schulsystem willentlich auf einen Minimalstandard heruntergefahren. Und niemand in der Regierung schreit auf?

Wer in aller Welt glaubt denn ernsthaft, dass man in einer Oberstufenklasse mit 36 Pubertierenden guten Unterricht machen kann? Gerade in diesem sensiblen Alter kommt der besonders schwierige Übergang in eine für viele - so sie nicht gerade von einer AHS-Unterstufe in die dann nicht ganz so fremde Oberstufe wechseln - komplett neue Schulform. Das setzt bei Schülern und Lehrern enorme Transformationskräfte voraus, die mit jedem Schüler mehr in der Klasse an und über die Grenzen des Machbaren gehen. Die Folgen sind absehbar: So etwas produziert Schulabbrecher.

Tolle Idee. Das unterläuft alle Ideale von Bildung und Schule so dermaßen, dass man es kaum glauben mag.

Schon die Diktion ist verräterisch und zeigt, im günstigsten Fall, eine Ahnung vom bösen Potenzial, das dieses Schulsparpaket hat. Die Ministerin sprach beschönigend davon, da "ein bisschen schrauben" zu wollen und dort "ein bisschen zu drehen" - aber am Ende ist die ganze Maschinerie namens Schule kaputt. Sie muss Spindeleggers budgetäre Zumutung exekutieren. Muss sie? Nein. Müsste sie nicht, wenn irgendjemand in dieser Regierung auf die Idee käme, dass das der falscheste Ort ist, um ein Budget zu sanieren. Wenn die Unterrichtsministerin tatsächlich gezwungen wird, tief ins Herz der Schule - den Unterricht, die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern - hineinzuschneiden, dann schneidet das ins eigene Fleisch.

Am Ende mag vielleicht das Budget wieder in Form sein. Aber die gut ausgebildeten Menschen, die wir als Gesellschaft, als Volkswirtschaft und als Demokratie brauchen, die werden dann Mangelware sein, wenn die Schulen noch mehr ruiniert werden.

Es wäre das Werk bildungsblinder Machttechniker und Regierungsbuchhalter im Zeichen der Null, die ihren Politikerjob mit der Leitung einer Schraubenfabrik verwechselt haben. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 12.4.2014)

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