Gipfeltreffen mit verbrecherischen First Ladies

11. April 2014, 17:47
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Österreichische Erstaufführung von Theresia Walsers "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel" im Schauspielhaus

Wien - Zu Zeiten, in denen Diktaturen reihenweise fallen (während selbstredend neue nachwachsen), blickt die demokratisch verwöhnte Welt mit Neugier auf die freigesprengten Lebenswelten der schändlichen Machthaber. Coffee-Table-Books widmen sich zu unserem Gaudium den allerüppigsten Palastzimmern und exorbitanten Garderoben.

Schon 2007 stanzte René Pollesch das Stück Diktatorengattinnen aus all dem Material. Theresia Walser ließ im Vorjahr eine Farce folgen, die drei Frauen zusammenführt, welche jede auf anders schillernde Weise zur Elite der Terrorprominenz zählen. Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel hatte im März 2013 in Mannheim Uraufführung und feierte am Donnerstag am Schauspielhaus Wien die österreichische Erstaufführung.

Die First Ladies der Philippinen, der DDR und Tunesiens - Frau Imelda (Katja Jung), Frau Margot (Franziska Hackl) und Frau Leila (Nicola Kirsch) - finden sich in diesem Edelboulevard zu einem informellen Gipfeltreffen backstage ein und tauschen über einen mit sich im Unreinen seienden Übersetzer (Florian von Manteuffel) ihre politisch-romantischen oder selbstverliebt-herrischen Behauptungen aus. Sie treten mit leicht angewiderten Blicken auf, nehmen mit ihren Handtäschchen auf herumstehenden Stühlen Platz und reden (aneinander vorbei).

Sebastian Schugs geradlinige Inszenierung lenkt die Aufmerksamkeit ganz auf die Hybris des Diktatorinnen-Sprechs. Theresia Walser lässt die halsabschneiderischen "Wahrheiten" in diesen Sätzen überaus unterhaltsam funkeln und hat mit der Figur des Übersetzers eine geniale Weichenstellung für Querschläge eingebaut. Die Aufführung im Schauspielhaus verlässt sich allerdings zu sehr auf das Fundament der wirkungsvollen Sätze und neigt in der Performance und auch im Sprechen zu Schlampigkeiten, die man sich im Tragödienfach nicht erlauben würde. Dadurch schleicht sich ein klamaukhafter Ton ein, der das Drama zumindest stellenweise verflacht. Manches wird verschluckt oder veralbert, schade - dennoch ist der Abend keineswegs verloren.

In der schönen Understatement-Ausstattung von Christian Kiehl - ein paar Stühle und eine Thermoskannenecke - wirken die Ladies hervorragend deplatziert, wissen sich aber ihrem Stand und Ruf entsprechend einzugewöhnen. Ein performatives Highlight ist auch Nicola Kirsch als Leila, die ihren gut gepflegten Spleen in Bezug auf Leitungswasser in einen wundersamen Pantomime-Tanz übersetzt.

"Ich bin nicht darstellbar!" pflockt Margot Honecker einen ihrer Stehsätze ein - und hat natürlich unrecht. Diktaturen-Groupies werden hier ihr Glück finden. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 12.4.2014)

  • Nicola Kirsch, Florian von Manteuffel, Katja Jung, Franziska Hackl (v. li.) in "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel".
    foto: pelekanos

    Nicola Kirsch, Florian von Manteuffel, Katja Jung, Franziska Hackl (v. li.) in "Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel".

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