"Eine Samenspende ist fast ein Vergnügen"

Interview11. April 2014, 17:32
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Kulturwissenschafter Andreas Bernard über das Diktat der Fruchtbarkeit, ungewollte Kinderlosigkeit und die bösen Stiefmütter

STANDARD: Sie haben für Ihr Buch "Kinder machen" in In-vitro-Kliniken, Samenbanken und anderen Reproduktionslabors recherchiert. Hand aufs Herz: Hat jeder Mensch ein Recht auf Kinder?

Bernard: In der amerikanischen Verfassung ist das in einem der Amendments verfassungsrechtlich geregelt. Darin wird jedem Menschen das Recht zugestanden, sich fortzupflanzen. US-Reproduktionsmediziner ziehen daraus die Berechtigung für den riesigen Markt, den sie kreiert haben: Samenbanken mit 500 Samenspendern und tausenden Bestellungen jährlich. Derartiges gibt es im deutschsprachigen Raum sicher nicht.

STANDARD: Finden Sie es als Kulturwissenschafter hinterfragenswert, dass immer öfter Empfängnis und Reproduktion keinen Geschlechtsakt bedingen?

Bernard: Ich vermeide Aussagen, wonach das Zeugen eines Kindes durch Geschlechtsverkehr Normalität ist und andere Formen, also etwa jene im Labor, pathologische Abweichungen sind. Ungewollte Kinderlosigkeit gehört vermutlich zu den schlimmsten Kränkungen des Lebens. Wenn Paaren geholfen werden kann, ist das zuerst einmal gut. Wichtig ist aber zu wissen, dass die Reproduktionsmedizin nicht nur auf einen Kinderwunsch reagiert, wie sie das selbst immer darstellt, sondern diesen Wunsch nach einem Kind um jeden Preis erst in die Menschen gepflanzt hat. Das ist das Problem: Kinderwunsch als Krankheitssyndrom. Es kann in unserer Gesellschaft fast nicht mehr akzeptiert werden, dass man kinderlos bleibt.

STANDARD: Sie schreiben: "Fruchtbarkeit gilt inzwischen als Effekt persönlicher Einsatzbereitschaft und Wahl." Der Druck steigt also?

Bernard: Richtig. Es gibt ein Diktat der Fruchtbarkeit. Ich habe mich bei der Recherche für mein Buch oft und lange in Kinderwunsch-Onlineforen bewegt und auch in Spezialzentren hospitiert. Da gab es zum Beispiel eine Frau, die zum 25. Mal versucht hat, ein Kind zu bekommen. Weil eine Narkose schon zu gefährlich war, wurden ihr bei vollem Bewusstsein die Eizellen mit einer Nadel entnommen. Es gibt also eine Kehrseite der Reproduktionsmedizin: Kinderlosigkeit kann nicht mehr als ein zu duldendes Schicksal gesehen werden.

STANDARD: Was ist mit jenen, die trotzdem kinderlos bleiben? In dieser Logik wären das doch Versager?

Bernard: Genau. Die haben nicht alles gegeben und waren nicht diszipliniert genug.

STANDARD: Die Reproduktionstechnik ist noch jung. Gibt es Studien über die ersten künstlich gezeugten Kinder, über ihr Leben?

Bernard: Die ersten Kinder aus In-vitro-Fertilisation sind heute 35 Jahre alt. Später kam die neue sogenannte ICSI-Methode auf, bei der ein Spermium direkt in die Eizelle injiziert wird. Sie wurde 1992 zum ersten Mal angewandt, die Kinder sind rund 22 Jahre alt. Im Moment gibt es keine statistisch erfassbare Differenz zwischen ihnen und konventionell gezeugten Menschen. Aber selbst die Reproduktionsmediziner oder die Embryologen, mit denen ich gesprochen habe, sagen, man müsse abwarten, bis diese Menschen 50 oder 60 Jahre alt sind. Keiner will ausschließen, ob diese Kinder vielleicht doch signifikant hohe Neigungen zu Krankheiten wie Krebs haben.

STANDARD: Von wie vielen Menschen reden wir hier eigentlich?

Bernard: Was In-vitro-Fertilisation und ICSI betrifft, sind das weltweit etwa fünf Millionen Menschen. In Deutschland sind es etwa 300.000. Die Geburten von Kindern durch Samenspender eines Dritten werden in Deutschland nicht erfasst. Man schätzt aber, dass das seit den 1960er, 1970er Jahren auch beinahe 100.000 sind.

STANDARD: Immer wieder taucht die Frage der Abstammung auf: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass durch die Unterbrechung der Abstammungslinie eine Lücke entsteht, die mit umso größerem Aufwand durch symbolische Legitimationen der Zusammengehörigkeit wettgemacht wird.

Bernard: Ich habe in den letzten Jahren viele Reproduktionspraxen und Samenbanken besucht. Die Wände dort sind überfüllt mit Familienfotos. Und auch in den sogenannten Regenbogenfamilien, die ich kenne, wird in dieser Richtung mehr Aufwand betrieben als in einer durchschnittlichen konventionellen Familie – sorgsam gestaltete Fotoalben und Tagebücher über das Aufwachsen des Kindes. Das Fehlen der blutsverwandten Abstammung führt anscheinend zu einer verstärkten symbolischen Tätigkeit, um sich diese Abstammung, wenn man so will, zu erschreiben oder durch Fotos herzustellen.

STANDARD: Ist das auch eine Erklärung dafür, warum selbst heute das Ideal der Mutter-Vater-Kind-Kernfamilie so hochgehalten wird?

Bernard: Dieses Ideal gibt es erst seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Schauen Sie sich die Märchen der Gebrüder Grimm an: In den ersten Ausgaben war noch von der "bösen Mutter" die Rede, bei Schneewittchen oder Hänsel und Gretel zum Beispiel. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde daraus in vielen Märchen die "Stiefmutter". Es wird also eine Art Wall um die blutsverwandte Kernfamilie errichtet. Alles, was draußen steht, wie eben die Figur der Stiefmutter, ist automatisch das Böse.

STANDARD: Wird die Familie immer mehr zu einem sozialen Konstrukt?

Bernard: Nein. Es gibt sogar eine gegenläufige Tendenz. Seit etwa zehn Jahren wird auch bei diesen neuen, dank der Reproduktionsmedizin entstandenen Familien ein viel größeres Augenmerk auf die Blutsverwandten gerichtet. In den USA gibt es ein Online-Archiv mit 50.000 Mitgliedern. Dort können sich Kinder aus Samenspenden ebenso wie die Eltern registrieren und etwa nach Halbgeschwistern oder dem anonymen Spender suchen.

STANDARD: Andererseits gibt es Aufreger wie erst kürzlich die Rede der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die In-vitro-Kinder als "Halbwesen" bezeichnete.

Bernard: Das ist eine Position, die aber in der frühen Zeit der In-vitro-Fertilisation, ab 1978 in Großbritannien, ab 1981 in Deutschland, völliger Konsens war. Damals herrschte flächendeckende Übereinstimmung, dass die In-vitro-Fertilisation das Gut der Humanität bedroht und Kinder zur Ware werden lässt. Später trat hingegen das Drama der individuellen Unfruchtbarkeit stärker in die öffentliche Wahrnehmung. Seither geht es nur noch um den Kinderwunsch, ums "Wunschkind". Keiner redet mehr vom "Retortenbaby". Aus diesem Grund gerät jemand wie Lewitscharoff, die ganz klar im Gestus dieser vergangenen Zeit argumentiert, heute so sehr ins Abseits.

STANDARD: Wird sonst über diese Thematik in der breiten Öffentlichkeit zu wenig geredet?

Bernard: Es wird in zu schematischen Kategorien geredet. Davon wollte ich in meinem Buch abkommen und einfach die alltägliche Praxis der Verfahren beschreiben und was sie bewirken – ohne einen euphorischen oder empörenden Tonfall einzuschlagen.

STANDARD: Warum ist in Ländern wie Deutschland und Österreich das Spenden von Samen erlaubt, die Eizellenspende aber verboten?

Bernard: Die offizielle Antwort lautet: Der Gesetzgeber findet, dass der Akt der Eizellspende ein wesentlich stärkerer Eingriff ist. Eine Samenspende ist fast ein Vergnügen, man geht in den Masturbationsraum, schaut sich einen Pornofilm an und stellt danach den Behälter in die Durchreiche. Die Eizellspende ist mit einer nicht ganz risikofreien Hormontherapie und einer OP unter Vollnarkose verbunden. Es steckt aber auch etwas ganz anderes dahinter, was ich häufig in der Reproduktionsmedizin bemerkt habe: ein archaisches Verständnis von Geschlechterdifferenz. Es genügt ein Blick in die Kataloge der US-Samenbanken. Da hat der Samenspender ein Elitecollege besucht, ist künstlerisch talentiert und athletisch. In den Leihmutter- und Eizellspenderinnen-Katalogen zählen nicht intellektuelle Fähigkeiten, sondern gesundheitliche Faktoren.

STANDARD: Hier wird also auf alte Bilder zurückgegriffen.

Bernard: Im Grunde ist das die Zeugungslehre von Aristoteles. Er hat vor 2500 Jahren geschrieben: Ein Kind entsteht aus dem Samen des Mannes und aus dem Blut der Frau. Aber nur der Samen formt den Embryo.

STANDARD: Was wird Ihrer Ansicht nach der nächste Trend am Reproduktionsmarkt?

Bernard: Im Moment wird viel über "social freezing" geschrieben. Seit die Medizin auch unbefruchtete Eizellen einfrieren kann, versprechen Ärzte den Frauen, dass sie sich mit 20 oder 30 Jahren ihre frischen, gesunden Eizellen herausnehmen lassen können, um sie viel später im Leben zu nutzen. Das ist im Moment das meistdiskutierte Phänomen der Reproduktionstechnologie, weil es eben so einen verführerischen Beiklang hat. Nämlich diese eminente Ungerechtigkeit zu stoppen, dass Männer fast ein Leben lang fruchtbar sind, während Frauen nur bis zu einem gewissen Alter Babys kriegen können. Ob das wirklich so funktioniert, ist derzeit umstritten. Aber wenn, dann wäre es das Ende der berühmten biologischen Uhr, die angeblich unaufhaltsam tickt. (Peter Mayr, DER STANDARD, 12.4.2014)

Andreas Bernard, geboren 1969, ist Redakteur des "SZ-Magazins" und Kulturwissenschafter. Sein Buch "Kinder machen. Neue Reproduktionstechnologien und die Ordnung der Familie." ist im S.-Fischer-Verlag erschienen.

  • "Wichtig ist aber zu wissen, dass die Reproduktionsmedizin nicht nur auf einen Kinderwunsch reagiert, wie sie das selbst immer darstellt, sondern diesen Wunsch nach einem Kind um jeden Preis erst in die Menschen gepflanzt hat", sagt Kulturwissenschafter Andreas Bernard.
    foto: andreas labes

    "Wichtig ist aber zu wissen, dass die Reproduktionsmedizin nicht nur auf einen Kinderwunsch reagiert, wie sie das selbst immer darstellt, sondern diesen Wunsch nach einem Kind um jeden Preis erst in die Menschen gepflanzt hat", sagt Kulturwissenschafter Andreas Bernard.

  • DAs Buch von Andreas Bernard ist im S. Fischer Verlag erschienen.
    foto: s. fischer verlag

    DAs Buch von Andreas Bernard ist im S. Fischer Verlag erschienen.

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