Ein Quantum Gelassenheit

11. April 2014, 17:08
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Dirigent Christian Thielemann geht am Samstag mit der Premiere von Richard Strauss' "Arabella" in sein zweites Jahr als künstlerischer Leiter der Salzburger Osterfestspiele. Ein Gespräch über das Heikle bei Strauss und die Stresserfahrung als Festivalleiter

Salzburg - Jubiläen darf man natürlich ignorieren. Im Falle von Dirigent Christian Thielemann, nun im zweiten Jahr seiner Regentschaft bei den Salzburger Osterfestspielen, erweist es sich allerdings als Glücksfall, dass 2013 das Wagner-Jahr anstand und heuer Richard Strauss (150. Geburtstag) dran ist. Es sind dies zwei Komponisten, zu denen Thielemann starke Affinität hat. Und es wirkte eher grotesk, würde der Deutsche die Gedenkmöglichkeiten nicht auskosten - im Vorjahr mit Wagners Parsifal heuer mit Arabella von Strauss.

Dass nun gerade dieses Werk angesetzt wurde, hängt jedoch mit "dem alten Wunsch von Renée Fleming und mir zusammen, irgendwann die Arabella zu machen". Und jetzt war die Konstellation einfach günstig: "Sie hatte Zeit, der Strauss-Geburtstag steht bevor, und mit Thomas Hampson konnten wir für Renée den perfekten Bühnenpartner finden. Auch die anderen Partien sind hervorragend besetzt. Dass wir mit Arabella auch den Bogen nach Dresden spannen können, wo sie 1933 ihre Uraufführung erlebte, passt zudem perfekt in die Dramaturgie der diesjährigen Osterfestspiele."

Natürlich gilt es im Großen Festspielhaus, wo Thielemann mit seiner Dresdner Staatskapelle musiziert, auf der Hut zu sein. Speziell ist die akustische Situation und Strauss ein Komponist, der zu überbordender Opulenz verleitet: "Er hat bei aller Opulenz immer aber auch ein gewisses Maß an Leichtigkeit und Ironie. Das gilt es einzufangen. Beim Rosenkavalier und bei Arabella liegt das geradezu auf der Hand, bei Salome und Elektra erkennt man das erst auf den zweiten Blick."

Die Schwierigkeit liege nach Thielemann "in der Beherrschung des großen Orchesterapparates, mit dem Sie die Sänger schnell übertönen können. Die Lautstärke zu kontrollieren verlangt viel Erfahrung und ein großes Maß an Flexibilität. Wenn Sie die Elektra im Januar in Dresden gehört haben, dann werden Sie aber wissen, dass sich die Staatskapelle hier in ihrem Element befindet. Eine solche Vertrautheit und einen so sicheren Umgang mit dieser Musik habe ich kaum irgendwo anders erlebt - nur noch in Wien."

Der eigene Stil

Die Frage eines persönlichen Interpretationsstils findet Thielemann insgesamt nicht so wesentlich: "Wenn jemand etwa über ,meinen' Wagner sagen würde, ,Mensch, der ist ja gar nicht so laut, und die Sänger müssen auch nicht ständig schreien, ja, man versteht sie sogar', dann wäre ich nicht unglücklich. Grundsätzlich glaube ich aber nicht, dass ein Künstler beständig auf der Suche nach einem eigenen Stil sein sollte. Das kann schnell in Manieriertheit enden. Meistens ist es doch so, dass ein Stil im Nachhinein von außen, vom Hörer, mit einem Künstler in Verbindung gebracht wird." Sehr wohl aber schätzt Thielemann den individuellen Klang eines Orchesters, wobei er nicht leugnet, dass Klangkörper - grundsätzlich gesprochen - einander immer ähnlicher werden. "Umso glücklicher bin ich, dass ich in Dresden und Wien mit zwei Orchestern sehr eng zusammenarbeite, die ihren unverwechselbaren Klang nicht verloren haben. Beide Orchester legen darauf seit jeher großen Wert, aber die Erfahrung zeigt ja, dass dies nicht einfach ist."

Was als Interpretation beim Hören ankommt, ist natürlich vom Klang beeinflusst. Es gibt, nach Thielemann, jedoch viele Faktoren, die Tempo, Phrasierung und Dynamik tangieren. "Tempo und Phrasierung hängen nicht nur von dem ab, was in der Partitur steht und nicht nur von meinen eigenen Vorstellungen. Häufig sind Saalakustik oder schlicht und ergreifend die Tagesform der Protagonisten entscheidend."

Und natürlich könne auch das Regiekonzept eine Rolle spielen. "Je nachdem, wie der Sänger steht oder sich bewegt, muss ich als Dirigent entsprechend Rücksicht nehmen. Es ist jedoch völlig klar, dass ein Regisseur die Musik nicht vergessen darf. Sie ist schließlich das Fundament - gegen die Musik zu inszenieren hat ja gar keinen Sinn", meint Thielemann, der übrigens auch wenig sinnvoll fände, Herrn Strauss zu treffen, falls dies möglich wäre. Wie bei Wagner und Verdi hätte er die Befürchtung, sein Bild vom Komponisten zu sehr revidieren zu müssen. Wobei: "Er war nicht nur ein genialer Komponist, sondern auch ein echter Theatermensch. Ich bin sicher, er hätte noch einige wertvolle Tipps. Aber wenn ich ihn schon treffen würde, dann käme er um ein Skatspiel nicht herum. Skat mit Richard Strauss, darauf hätte ich schon Lust."

Unmusische Belastungen

Und Zeit fände er zur Not auch, obwohl er ja nicht nur Musiker ist, sondern als Festivalchef und Chefdirigent der Staatskapelle Dresden auch unmusische Verpflichtungen hat. "Es ist in der Tat nicht so einfach. Ich bekomme auch schöne Anfragen, bei denen es mir schwerfällt, abzusagen. Für mich jedoch ist es wichtig, Balance zu finden. Nur so kann ich die Leistung bringen, die man zu Recht erwartet. Abgesehen davon ist Dresden natürlich mein Fixpunkt, danach richtet sich alles."

Die Salzburger Osterfestspiele zu leiten war auch "tatsächlich etwas Neues für mich. Obwohl ich seit Jahren in Bayreuth dirigiere und dort ja inzwischen als künstlerischer Berater einen Teil der Verantwortung trage, sind und bleiben die Osterfestspiele in ihrer Dichte und Kompaktheit eine besondere Herausforderung. Ich bin aber gelassener geworden und mache mir um bestimmte Dinge weniger Sorgen." (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 12.4.2014)

  • Christian Thielemann: "Dinge wie Tempo und Phrasierung hängen von vielen Faktoren ab - nicht nur von dem, was in der Partitur steht und nicht nur von meinen eigenen Vorstellungen."
    foto: apa/barbara gindl

    Christian Thielemann: "Dinge wie Tempo und Phrasierung hängen von vielen Faktoren ab - nicht nur von dem, was in der Partitur steht und nicht nur von meinen eigenen Vorstellungen."

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