Matador für große Kinder

12. April 2014, 14:00
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Der japanische Architekt Shigeru Ban, Pritzker-Preis-Träger 2014, hat in Zürich ein Medienhaus gebaut - mit japanischer Zimmermannstradition. Ohne Schrauben, ohne Nägel, ohne Leim

"Journalismus ist Quatschen auf dem Flur." Dieses Bonmot von Henry Nannen, dem langjährigen Herausgeber und Chefredakteur des Stern, scheint beim Neubau der Tamedia-Gruppe eins zu eins in ein Gebäude übersetzt worden zu sein. Shigeru Ban, jener Japaner, der in der zeitgenössischen Architektur für die Verwendung von Papier und Pappe bekannt wurde, hat für die Zürcher Mediengruppe ein sensationelles Bürogebäude an der Sihl errichtet - und zwar komplett aus Holz. Nicht von ungefähr erinnert es an ein Matador-Haus Größe XXL.

Helligkeit mit Holzgeruch

"Die Mitarbeiter schätzen den Holzgeruch und die Helligkeit, die Offenheit und das Licht im Gebäude", sagt Pietro Supino, Leiter des Tamedia-Konzerns. Von außen jedoch wirkt das Bürohaus nicht unbedingt wie das Werk eines international anerkannten Stararchitekten. In Höhe und Volumen entspricht es der üblichen Blockrandbebauung und respektiert damit die städtebaulichen, nicht sonderlich aufregenden Eigenheiten des Quartiers.

Seine Einzigartigkeit offenbart es erst beim Eintreten: Die unverkleidete, tragende Holzkonstruktion prägt das Ambiente und umfasst große, zusammenhängende Büroflächen, die viel Platz für das für Journalisten so unerlässliche schnelle Gespräch unter Kollegen bieten, für den sogenannten "Flurfunk". Das Ziel war, den Redakteuren und Mitarbeitern attraktive Arbeitsplätze mit "Chalet-Flair" zu bieten, wobei ein Chalet in der Schweiz jene traditionelle alpine Holzhütte bezeichnet, die bei uns gerne auch "Lederhose" genannt wird - und das mit Direktauftrag und zu nicht höheren Baukosten als für ein Bürohaus üblich.

Steirische Fichte

Obwohl Ban aus dem fernen Tokio stammt und heute hauptsächlich in Paris lebt, ist der Neubau dennoch "typisch schweizerisch". In Japan wäre dieses Haus weder technisch möglich noch juristisch genehmigungsfähig gewesen. Nur "weil das deutschsprachige Europa die höchstentwickelte Holzbaukultur der Welt hat", sei das radikale Konzept umsetzbar gewesen, so Ban.

Die Konstruktion kommt gänzlich ohne Stahlbauteile aus und besteht aus vorfabrizierten, millimetergenau CNC-gefrästen Holzfertigteil-Elementen. Das gesamte Holz - 2000 Kubikmeter Fichte - stammt aus der Steiermark. In Zürich wurden die Bauteile in japanischer Zimmermannstradition schließlich ineinander verzahnt und zusammengesetzt. Die strengen Brandschutzvorschriften waren nur einzuhalten, weil Stützen und Träger größer dimensioniert wurden als nötig. Im Brandfall kann die verkohlte Außenschicht den Kern des Tragwerks effektiv schützen. Etwa 50 Millionen Franken (rund 41 Millionen Euro) ließ sich der Bauherr seinen Neubau kosten.

Hell und freundlich

Die vollflächige Glasfassade macht die ungewöhnliche Konstruktion transparent und sorgt zugleich für helle und freundliche Innenräume. Eine drei Meter tiefe Doppelfassade auf der Sihlseite, die vor allem als Klimapuffer dient und bei der natürlichen Ventilation des Hauses behilflich ist, bietet Raum für Lounges und Besprechungsräume (siehe Foto links oben). Teilweise reichen diese informellen Arbeitsbereiche über zwei Geschoße. Kaskadentreppen schaffen kurze, innerbetriebliche Verbindungen.

Der neue Redaktionssitz der Tamedia bietet auf 8900 Quadratmetern Platz für insgesamt 480 Mitarbeiter und zeigt, dass im modernen Holzbau Techniken herangereift sind, die in den Händen innovationsfreudiger Architekten, Ingenieure und Holzbauer zu einer Wiederentdeckung des Holzbaus für große, innerstädtische Häuser führen. Schließlich ist Holz nicht nur ein nachwachsender und somit auch umweltfreundlicher Baustoff, der derzeit eine Renaissance erlebt. Viel mehr noch ist es in puncto Aussehen, Geruch und Haptik ein Material, das Menschen anzieht.

Kirchen und Notunterkünfte

Der 1957 in Tokio geborene Ban hatte in New York und Los Angeles Architektur studiert, bevor er sich in Tokio selbstständig machte. Seine Karriere begann bald darauf mit dem Bau einer kleinen katholischen Kirche aus Pappröhren. Sie diente den Vietnamesen in der japanischen Hafenstadt Kobe, die beim verheerenden Hanshin-Erdbeben ihr Gemeindegebäude verloren hatten, als temporärer Ersatz.

Bans Baukunst ist für ihre Eleganz und Innovation bekannt, aber auch für soziales Engagement: Besonders seine Entwürfe für Notunterkünfte aus Pappröhren für Bürgerkriegs- oder Erdbebenopfer kamen im Rahmen von Hilfsaktionen in Krisengebieten nach Bürgerkriegen oder Naturkatastrophen in der Türkei, in Neuseeland und in Japan zum Einsatz. In Ruanda hat er im Auftrag der United Nations High Commission on Refugees sogar Notunterkünfte für Flüchtlinge entworfen.

Billig und einfach

Aus Sperrholz, Karton und Textilien entwirft Ban geschickt temporäre Bauten, die leicht, billig und einfach zu bauen sind und dennoch ästhetischen Wert behalten. "Menschen sterben nicht wegen Erdbeben, sondern wegen einstürzender Gebäude", sagt Shigeru Ban und kritisiert zugleich seine Architekturkollegen, die lieber "für Privilegierte arbeiten als temporäre Unterkünfte für Menschen zu entwerfen" (siehe auch STANDARD-Interview "Der Papierpragmatiker").

In Europa bekannt wurde Ban mit seinem Japanischen Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover. Die Halle bestand aus Pappröhren. Erneuert wurde die Aufmerksamkeit vor drei Jahren, als in Metz in Frankreich das Centre Pompidou II eröffnet wurde. Die Form der Kunsthalle mit wellenförmigem Dach ist von chinesischen, aus Reisstroh geflochtenen Hüten inspiriert.

Und nun Holz. In japanischer Tradition. Ohne Schrauben, ohne Nägel, ohne Lehm. Dass der mit 100.000 US-Dollar dotierte Pritzker-Preis 2014, wie kürzlich bekannt wurde, ausgerechnet an jenen "humanen und ökologischen" Architekten vergeben wird, der auch den neuen Sitz der Tamedia-Gruppe plante, freut die Redaktion insbesondere. "Die Auszeichnung Bans mit dem Pritzker-Preis macht uns stolz und hat vielen Mitarbeitern bewusst gemacht, in was für einem außergewöhnlichen Gebäude sie arbeiten", sagt Tamedia-Chef Pietro Supino mit einem bauherrlichen Lächeln auf seinen Lippen. (Ulf Meyer, DER STANDARD, Album, 12.4.2014)

Ulf Meyer lebt als freischaffender Architekturjournalist in Berlin.

Nachlese

Der Papierpragmatiker - Shigeru Ban im STANDARD-Interview

Ansichtssache

Japanischer Architekt Shigeru Ban bekommt Pritzker-Preis

  • Quatschen auf dem Flur mit Matador-Feeling: "Die Mitarbeiter schätzen den Holzgeruch und die Helligkeit, die Offenheit und das Licht im Gebäude", sagt Tamedia-Chef Pietro Supino. Wie ein riesengroßes Holzspielzeug drängt sich die Öko-Konstruktion ins Blickfeld der Redakteure.
    foto: reto oeschger

    Quatschen auf dem Flur mit Matador-Feeling: "Die Mitarbeiter schätzen den Holzgeruch und die Helligkeit, die Offenheit und das Licht im Gebäude", sagt Tamedia-Chef Pietro Supino. Wie ein riesengroßes Holzspielzeug drängt sich die Öko-Konstruktion ins Blickfeld der Redakteure.

  • Von außen wirkt das Bürohaus an der Sihl klassisch und unspektakulär. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die ungewöhnliche Holzkonstruktion ...
    foto: didier boy de la tour

    Von außen wirkt das Bürohaus an der Sihl klassisch und unspektakulär. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die ungewöhnliche Holzkonstruktion ...

  • ... aus CNC-gefrästen Einzelteilen, die ohne jegliche Hilfsmittel ineinandergesteckt und zusammengebaut wurden.
    foto: shigeru ban architects

    ... aus CNC-gefrästen Einzelteilen, die ohne jegliche Hilfsmittel ineinandergesteckt und zusammengebaut wurden.

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