Anarchie und Romantik, Liebe und Krawall

11. April 2014, 17:27
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Ton Steine Scherben proben wieder den Aufstand auf der Bühne, zweimal auch in Österreich

Fast 30 Jahre ist es her, dass die deutsche Urpolitrockcombo Ton Steine Scherben das letzte Mal in Originalbesetzung aufgetreten ist. Jetzt proben die Apo-Opas (Außerparlamentarische Opposition) ohne den 1996 verstorbenen Sänger Rio Reiser wieder den Aufstand auf der Bühne - zweimal auch in Österreich. Mit von der Partie ist Gitarrist R.P.S. Lanrue (bürgerlich: Ralph Peter Steitz), der in den Sturm-und-Drang-1960ern in der südhessischen Provinzpampa einst Ralph Möbius (Rio Reiser) kennenlernte.

In Beatbands unternahmen sie musikalische Gehversuche. 1967 übersiedelten sie nach Westberlin und bildeten mit Lanrue, Kai Sichtermann und Wolfgang Seidel als Ton Steine Scherben die lautstarke Speerspitze einer zornigen Jugendbewegung. Begonnen hatten die Rolling-Stones-Fans Reiser und Lanrue in einer Straßenkünstlergruppe mit Vertonungen von Agitpropstücken und aktionistischen Happenings. Ein Highlight dieser Zeit sollte 1970 zur ersten Scherben-Single werden: "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Die 3000 Exemplare waren in 14 Tagen vergriffen, das Stück avancierte zur Hymne.

Die Scherben lieferten den Soundtrack für das Berlin-Kreuzberg der Kommunen, Hausbesetzungen und Vietnam-Demos. Ihre Musik war aggressiv, laut, primitiv mit zwei, drei Akkorden, knappen melodischen Wendungen und Sprech-Schreigesang: Protopunk. Ein Sound der romantischen Rebellion, der die folgenden Punkgenerationen (u. a. Blixa Bargeld) nachhaltig beeinflusste.

Die Scherben gründeten das erste deutsche Indielabel (David Volksmund Produktion) und den ersten Alternativvertrieb (April, heute: Indigo). Weil Krawall mit Zwischentönen und Recht auf Utopien immer Saison haben, geht Lanrue mit Bassist Sichtermann, Funky Götzner, Freunden und Verwandten auf Tour. (dog, DER STANDARD, 12.4.2014)

12. 4., Salzburg, Rockhouse, 20.30 14. 4., Wien, Szene, 20.00

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