Sparen bei der Bildung? Jawohl!

Leserkommentar11. April 2014, 15:47
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Nun ist die Katze also aus dem Sack: 57 Millionen Euro muss das Unterrichtsministerium im kommenden Budgetjahr einsparen

Angesichts der gebetsmühlenartig vorgetragenen Bekenntnisse, man müsse in Bildung und Ausbildung investieren, und zwar gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, bleibt einem ungläubig der Mund offen stehen. Bei der Bildung den Rotstift ansetzen? Kenner der österreichischen Politik überrascht das nicht. Denn: Eine Politik, die grundsätzlich die falschen Entscheidungen trifft, muss das konsequenterweise auch im Bereich Bildung tun.

Was als sanfte Maßnahme verkauft wird, wird im Einzelfall zur Härte: Laborgruppen mit zwölf statt wie bisher mit zehn Schülern. Ein paar klitzekleine Teilungen weniger. Wo liegt das Problem? In der konkreten Umsetzung! Denn im Einzelfall wird es zum Unterricht in ganzen Klassen kommen, und das bedeutet, dass in Informatik halt dann nicht zwei Gruppen mit je 14 Schülern unterrichtet werden, sondern eine mit 28. Dass es keine Räume mit 28 PCs gibt und wir damit zu einem Unterricht zurückkehren, bei dem wieder wie vor 15 Jahren zwei Schüler an einem Gerät arbeiten, verschweigt die Statistik. Und dass die Laborarbeitsplätze dann eben nicht mehr für jedes Kind reichen, ebenfalls.

Klassenschülerhöchstzahl

Bei der Klassenschülerhöchstzahl von 25 wird es bleiben! Super! Der Teufel steckt im Zusatz: plus 20 Prozent. In der Praxis bedeutet das, dass die als Ausnahme gedachte Überschreitung auf bis zu 30 Schüler pro Klasse von der Ausnahme zur Regel wird.

Wenn also behauptet wird, es gehe nur um ein paar Überstunden der Lehrer, so ist das eine Lüge, denn größere Gruppen, größere Klassen verschlechtern unmittelbar und nachhaltig die Lernsituation der Kinder. Wen sonst trifft es, wenn in den Neuen Mittelschulen die als pädagogischer Meilenstein gepriesenen Zweitlehrer mit einem Schlag um 20 Prozent zurückgefahren werden? Und wen sonst trifft es, wenn in den Oberstufenformen Klassen mit bis zu 36 Schülern sitzen, die in den Schularbeitenfächern nicht mehr in Gruppen geteilt werden? Zur Erinnerung: Eingeführt wurden diese Teilungszahlen, damit die Drop-out-Raten sinken.

Dass auch das lange angekündigte Unterstützungspersonal (Psychologen, Sozialarbeiter ...) de facto nicht kommen wird, rundet das Bild ab. Wenn schon in den Abgrund, dann mit Vollgas!

Halbe Wahrheiten

Das Argument der Sparmeister, Österreich investiere ohnehin mehr in Bildung als die meisten OECD-Staaten, stimmt. Aber es ist wie so oft nur die halbe Wahrheit. In absoluten Zahlen vielleicht, gemessen am BIP ist es eine glatte Lüge. In den letzten Jahren sind die Bildungsausgaben nicht nur nicht gestiegen, sondern sogar von 6,1 Prozent des BIP (1995) auf 5,9 Prozent (2009) gesunken.

Um es mit einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen: Österreich investiert tatsächlich mehr in Bildung als Mexiko. In absoluten Zahlen. Gemessen am BIP nicht! Dort liegt Österreich hinter Mexiko und auch weit unter dem OECD-Durchschnitt (Quelle: OECD: Bildung auf einen Blick 2013, S. 221). Wie das möglich ist? Die Diskrepanz ist leicht zu erklären: In Österreich sind auch die Löhne, Gehälter (und die Preise) allgemein höher als in Mexiko.

Hypo-Vergleich

Dass genau einen Tag vor der Veröffentlichung dieses Sparpakets bekannt wurde, dass die Republik der Kärntner Hypo Alpe Adria mehr als das Zehnfache dieses Betrags überweisen muss, damit man dort überhaupt eine Bilanz für 2013 erstellen kann, klingt wie ein Beitrag aus dem Villacher Fasching. Ist aber die Wahrheit, und die ist traurig.

Aber was kann man von einer politischen Elite erwarten, die zum Begräbnis von Nelson Mandela einen Ex-Bezirksrat aus Simmering schickt, die bei den Olympischen Spielen in Sotschi freudig lächelnd die österreichische Fahne in die Kamera hält, aber die Paralympics zwei Wochen später mutig boykottiert?

Mut? Ehrlichkeit? Charakter? Visionen? Zukunftsperspektiven? Fehlanzeige. Hauptsache, die Umfragewerte stimmen. Die im wahrsten Wortsinn unterirdischen Medien werden schon dafür sorgen. Bis zum nächsten Wahltag. Horizont? Wozu? Dort kommen wir sowieso nie hin. (Wilhelm Zillner, Leserkommentar, derStandard.at, 11.4.2014)

Wilhelm Zillner (57) ist Direktor des BRG/BORG Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich und seit November 2010 Sprecher der AHS-Direktoren und -Direktorinnen. Er kandidierte für die ÖVP für den Gemeinderat in Schlierbach.

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