"Es ist nicht einfach, wieder ins Lernen zu kommen"

11. April 2014, 16:27
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Die Zahl jener, die ohne Matura an Fachhochschulen in Österreich studieren, liegt bei knapp 15 Prozent

Wien - Wenn man es genau nimmt, haben sich die Fachhochschulen vor 20 Jahren, als sie gegründet wurden, explizit dazu bekannt, den Bereich der Weiterbildung und der höheren Bildung für beruflich Qualifizierte zu ermöglichen - was sie auch tun. Die Zahl jener aber, die etwa aus einer Lehrlingsausbildung kommend an einer FH studieren, oder die Möglichkeit, ohne Berufsreifeprüfung bzw. auch Matura an FHs weiterzulernen, wird fast nicht wahrgenommen.

An der Frage, woran das liegt, scheiden sich die Geister. Von "psychologischen" Hürden der potenziellen Studierenden, von zu wenig Sogwirkung für die Zielgruppe der beruflich Qualifizierten an den FHs generell wird diesbezüglich häufig gesprochen. Thomas Mayr vom ibw drückte es so aus: Durch die implizite Eingangsvoraussetzung, das Maturaniveau, werde die eigentliche Stärke, nämlich jene der beruflichen Qualifikation, zu sehr in den Hintergrund gedrängt. Dass aber diese Möglichkeit, ohne Matura an der FH zu studieren, noch nicht bekannt genug ist, kann man nach zwanzig Jahren ausschließen - das Bemühen um eine vielzitierte Durchlässigkeit aber sei nach wie vor hoch. Das sagt Ulrike Haider-Moser, an der FH des bfi Wien Ansprechpartnerin für Bewerberinnen und Bewerber ohne Matura. An der FH des bfi Wien studieren 10,8 Prozent ohne Matura - das liegt unter dem FH-weiten Schnitt von knapp 15 Prozent. Und von den 10,8 Prozent studieren 80 Prozent berufsbegleitend, 20 Prozent Vollzeit.

Vorbereitungsphase

Die Bewerberinnen und Bewerber kommen meist sehr gut informiert und bereits mit bestimmten Vorstellungen zu ihr ins Beratungsgespräch, sagt Haider-Moser. Dennoch brauche es bei den meisten vor dem eigentlichen Studienantritt ein bis zwei Semester Vorbereitungs- und Planungszeit, sagt sie. Die meisten sind schon einige Jahre "vom Lernen weg", durch eine Mathematik- und Englisch-Prüfung müssen aber alle Bewerber durch.

Neustart und Branchenwechsel

Gerade in der Eingangsphase, während der Vorbereitungskurse für Englisch und Mathematik geben schon einige auf, weiß Astrid Gsottbauer. Nicht nur sei es nicht ganz einfach "wieder ins Lernen zu kommen", viele nehmen mit diesem Entschluss ja auch nicht unerhebliche Gehaltseinbußen auf sich, sagt sie. Die heute 31-Jährige studiert an der FH des bfi Wien Projektmanagement und Organisation als Masterstudium im zweiten Semester berufsbegleitend. Das Bachelorstudium in Projektmanagement und IT trat sie mit 28 Jahren an, erzählt sie. Davor habe sie als Pflegeberaterin gearbeitet - fünf Jahre lang, nach Absolvierung der Krankenpflegeschule. Sie habe sehr gerne im Gesundheits- und Sozialbereich gearbeitet - inhaltlich war sie damit sehr zufrieden. Was sie dazu gebracht habe, an eine Fortbildung via FH-Studium zu denken? Gsottbauer: "Es waren viele kleine Dinge, aber im Endeffekt stand die Leistung, die ich erbracht habe, samt der Verantwortung, die dafür zu tragen war, in keinem Verhältnis zum Gehalt." Das habe mit der Zeit zu einer "Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation" geführt, lacht sie.

Noch bevor die FH in die engere Wahl kam, hatte sie damit begonnen, "die Matura nachzuholen" - zumindest teilweise. Englisch und Mathematik seien dabei gewesen - sie habe sich also die "Eingangsphase", die man als Student ohne Matura braucht, erspart. Und sie habe auf ein Fach umgesattelt, das sie für zukunftsträchtig halte, womit auch etwas mehr Geld zu verdienen sei. Gsottbauer ist zufrieden - trotz aller Trade-offs. "Ich kann das nur jedem empfehlen", sagt sie. (haa, DER STANDARD, 12.4.2014)

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