Kenianer beim Marathon: 42,195 Kilometer, die aus der Armut führen

12. April 2014, 10:32
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Eine Dokumentation begleitet Felix Kiprotich und dessen deutschen Manager. Für beide soll ein Sieg Ruhm und Wohlstand bringen

Jeden Morgen läuft Felix Kiprotich 21 Kilometer. Auf 3.000 Höhenmetern, zwischen Holzhütten, Feldern und durch die Berge seines Heimatdorfes Metkai in Kenia. Der 25-Jährige läuft nicht, weil es sein Hobby ist. Er läuft, um seiner Armut zu entkommen. Dabei trainiert Kiprotich mit den besten Marathonläufern der Welt, die aus dem ostafrikanischen Land stammen. Zu seinen Trainingspartnern gehört unter anderem Wilson Kibsang, der aktuelle Weltrekordhalter. Er benötigte beim Berlin-Marathon 2013 nur 2:03:23 Stunden für die 42,195 Kilometer. Felix Kiprotich tritt am Sonntag zum ersten Mal bei einem Marathon in Europa an – er geht in Wien an den Start.

Begleitet wird der Läufer dabei von einem Filmteam der Filmakademie Baden-Württemberg. Der 28-jährige Regisseur Daniel Sager liefert mit seiner Dokumentation "Runner's High" sein Abschlussprojekt. Sager erzählt darin unter anderem die Geschichte von Kiprotich und seinem deutschen Manager Volker Wagner, der auf der Suche nach Talenten nach Afrika reist und ihnen ein Ticket nach Europa verspricht – und sich selbst einen Platz im Managerolymp.

Tiefer Fall

Wagner ist bereits seit 26 Jahren im Geschäft. Der ehemalige Lehrer verließ für den Sport seinen Beruf und brachte bereits 13 Langstrecken-Weltrekordhalter hervor. Er machte die kenianische Läuferinnenlegende Tegla Loroupe groß, die unter anderem zweimal einen Weltrekord im Marathon aufstellte und dreimal Weltmeisterin im Halbmarathon wurde. Doch nach dem Höhenflug kam auch der tiefe Fall. Weil andere Manager mit größeren Sponsoren und mehr finanziellen Mitteln im Geschäft auftauchten, musste Wagner mittlerweile Privatkonkurs anmelden. Mit seinen aktuellen Läufern erwartet er sich allerdings noch einmal die großen Siege, er möchte mit Erfolg in den Ruhestand gehen.

Regisseur Sager beschreibt den 64-jährigen Manager als Mann mit gutem Herzen, der gerne über die Vergangenheit spricht und wahrscheinlich Fehler gemacht hat. "Auch wenn ich sehr viel Zeit mit Volker verbracht habe, kann ich ihn noch immer nicht einschätzen", sagt Sager. Die angesprochenen Fehler finden sich in mehreren Zeitungsberichten über Wagner wieder. So gibt es Vorwürfe, dass er die Sportler nur zum eigenen Vorteil ausnutze. Außerdem soll es sich bei den Unterkünften der Läuferinnen und Läufer um schäbige Baracken handeln. Er selbst bestritt das immer wieder.

Laufschuhe sind das Flüchtlingsboot

Den Vorwurf mit den Baracken kann Sager aufgrund seiner eigenen Recherche ausräumen. Die ehemaligen Ferienbungalows, die Wagner in seinem Wohnort Detmold in der Nähe von Bielefeld gekauft hatte, seien zwar abgewohnt, aber sauber. Es gebe fließendes Wasser, Elektrizität und zusätzlich zu den Mehrbettzimmern auch ein Wohnzimmer und eine Gemeinschaftsküche. Wie eine Jugendherberge eben, auf deren Einrichtung nicht so viel Wert gelegt wurde. Die verstaubten Pokale in den Regalen und Gegenstände in den Ecken, die offensichtlich lange nicht mehr benutzt wurden, würden davon zeugen.

Seinem Ruf in Afrika soll die teils schlechte Presse keinen Abbruch tun. Steht Wagner mit der Stoppuhr an der Laufbahn der kenianischen Läuferhochburg Eldoret, dann sprechen ihn regelmäßig junge Männer und Frauen an. Sie alle wollen mit ihm nach Europa und Geld für ein Leben verdienen. "Die Laufschuhe sind die Flüchtlingsboote der jungen Generation in Kenia", sagt der Regisseur. Doch das Preisgeld wird erst an die Läuferinnen und Läufer ausbezahlt, wenn sie ihre Schulden bei Wagner beglichen haben, abzüglich 15 Prozent Provision für den Manager.

Kampf gegen Vorurteile

Wagner legt nämlich erst einmal rund 700 bis 1.000 Euro für Flüge, Unterkunft, Startgebühren, Versicherungen und Visa aus. Zusätzlich muss man in Deutschland seit einer Verschärfung der Visumspolitik nun 3.000 Euro Kaution hinterlegen, wenn man jemanden aus einem Nicht-EU-Land einlädt. Erst bei dessen Ausreise wird dieser Betrag rückerstattet. In seiner Karriere ist es Wagner allerdings erst einmal passiert, dass ein Läufer untergetaucht ist.

"Die meisten wollen wieder nach Kenia. Sie sind dort verwurzelt und haben Familie", erzählt Regisseur Sager. So auch Felix Kiprotich, der eine Frau und zwei Kinder hat. Auch wenn er für die Siegesprämien läuft, möchte er durch seinen möglichen Ruhm zeigen, was ein guter Mensch bewerkstelligen kann. Der junge Kenianer ist streng katholisch, trinkt keinen Tropfen Alkohol und kämpft gegen Vorurteile in seinem Land. Er gehört zu dem Stamm der Kikuyu, deren Angehörige vor allem seit den vergangenen Präsidentschaftswahlen im Jahr 2007 Opfer von ethnischer Unterdrückung und Gewalt werden. Durch seine Erfolge will Felix auch zeigen, dass man ethnische Gegensätze überwinden kann.

Sieg als Ziel

Beginnen soll das mit einem Sieg beim Wienmarathon. Von seinen Trainingspartnern wird ihm eine Zeit von zwei Stunden und sechs Minuten zugetraut. Damit würde er die Siegerzeit aus dem Vorjahr mit 02:08:19 Stunden deutlich unterbieten und wäre sogar am Streckenrekord von 2:06:58 Stunden dran. Kiprotich selbst glaubt im Gespräch mit derStandard.at, dass er eine Zeit von 2:08 oder 2:07 Stunden schaffen kann. Von Nervosität will der junge Kenianer nichts wissen: "Ich habe mich gut auf das Rennen vorbereitet und weiß, was ich kann."

Er möchte "eine gute Platzierung, ein gutes Gefühl und natürlich gutes Geld" am Sonntag erreichen. Mit den 15.000 Euro Siegerprämie wäre Kiprotich auch noch abzüglich von Steuern, seinen Schulden bei Wagner und der Managerprovision wohlhabend in Kenia, wo ein durchschnittlicher Monatslohn bei 60 Euro liegt. Er würde seinem Vater ein Haus bauen, ein Stück Land erwerben und für seine Familie sorgen können. Außerdem wäre eine Topplatzierung in Wien sein Ticket für den Berlinmarathon im September und die Möglichkeit auf seinen persönlichen Durchbruch und den Ruhm, den sich Volker Wagner vor seiner Pensionierung noch gewünscht hat.

Realität als Enttäuschung

Auch wenn es in den sechs Wochen nach dem Marathon in Wien für die Läuferinnen und Läufer von Wagners Gruppe weiter zu kleineren Rennen geht, wird das Großereignis in Österreich den dramaturgischen Höhepunkt in Daniel Sagers Film sein. "Runners High" soll Mitte 2015 fertiggestellt und dann auf Festivalreise gehen, bis er zu den Olympischen Spielen 2016 im ZDF ausgestrahlt wird.

Mit seiner Dokumentation will der junge Filmemacher vor allem das Aufeinanderprallen von "afrikanischem Idealismus" und "europäischem Realismus" zeigen. "Wir Weiße sind in Afrika etwas Besonderes und werden besonders gastfreundlich in den Familien aufgenommen. Felix etwa glaubt, dass ihm das gleiche in Europa widerfahren wird, weil er schwarz ist", sagt Sager und stellt gleich im Anschluss klar: "Für viele ist die Realität eine herbe Enttäuschung und sie wollen schnell wieder nach Hause." Die Preisgelder lassen die jungen Männer und Frauen allerdings weiterlaufen, um Schritt für Schritt der Armut zu entkommen. (Bianca Blei, derStandard.at, 12.4.2014)


Mehr Infos zum Wien-Marathon:

Auf derStandard.at/Sport

  • Felix Kiprotich will seiner Armut entkommen und in Europa genug Geld für seine Familie in Kenia verdienen.
    foto: runner's high/simon riedl

    Felix Kiprotich will seiner Armut entkommen und in Europa genug Geld für seine Familie in Kenia verdienen.

  • Regisseur Daniel Sager: "Die Laufschuhe sind das Flüchtlingsboot der jungen Generation Kenias."
    foto: julian pöschl/mufim

    Regisseur Daniel Sager: "Die Laufschuhe sind das Flüchtlingsboot der jungen Generation Kenias."

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