Was ein Hausmeerschweinchen von einem wilden unterscheidet

12. April 2014, 17:58
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Deutsche Forscher: Die Haustierform der Nager ist tendenziell geselliger, aber auch vorsichtiger

Müster - In ihrer ursprünglichen Heimat Südamerika werden Meerschweinchen schon seit Jahrtausenden als Haustiere gehalten. Und wie bei anderen Tierarten auch ist die Domestikation an ihnen nicht spurlos vorübergegangen. Die Veränderungen gegenüber ihren Vorfahren sind so umfangreich, dass das Hausmeerschweinchen inzwischen eine eigene Spezies darstellt (Cavia porcellus form. domestica) - möglicherweise hat sich diese auch durch Hybridisierung verschiedener Arten aus der Gattung der Echten Meerschweinchen ergeben.

Haus- und Wildmeerschweinchen weisen aber auch deutliche Unterschiede in ihrem Verhalten und in ihrem Hormonstatus auf, wie die Westfälische Wilhelms-Universität Münster berichtet. Diese Unterschiede sind selbst dann vorhanden, wenn die Tiere unter den gleichen Bedinungen gehalten werden.

Die Studie

Münsteraner Forscher um Benjamin Zipser verglichen männliche Haus- und Wildmeerschweinchen, und zwar jeweils zu Beginn und zum Ende der Adoleszenz im Alter von 50 beziehungsweise 120 Tagen. Dieser Altersabschnitt wurde bewusst gewählt, da die Zeit des Heranwachsens bei männlichen Hausmeerschweinchen ganz wie beim Menschen auch eine Phase großer Veränderungen im Organismus ist. In Verhaltenstests untersuchten die Forscher, wie die Tiere auf andere Meerschweinchen reagierten und ob sie sich in verschiedenen Situationen mutig oder ängstlich verhielten – ob sie sich beispielsweise trauten, eine hell erleuchtete Arena zu erkunden oder von einer Plattform zu springen.

Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin "Frontiers in Zoology" veröffentlicht: Die Hausmeerschweinchen sind tendenziell geselliger als ihre wilden Verwandten, allerdings weniger abenteuerlustig. Wie die Hormonuntersuchungen zeigten, hatten sie einen deutlich höheren Testosteronspiegel. Auf Stress – verursacht durch eine unbekannte Umgebung – reagierten sie jedoch mit einem weniger starken Anstieg des Cortisolgehalts im Blut als Wildmeerschweinchen.

An soziales Umfeld angepasst

Aus evolutionsbiologischer Sicht machen diese Unterschiede den Forschern zufolge Sinn: Die stärkere Stressreaktion hilft Wildmeerschweinchen, schnell auf Gefahren zu reagieren. Ihr mutiges Verhalten erleichtert ihnen die Erkundung neuer Lebensräume. Hausmeerschweinchen dagegen müssen oft mit zahlreichen Artgenossen auf engem Raum zusammenleben, was nur bei friedlichem Verhalten möglich ist. 

Zipser: "Der Testosteronspiegel steigt durch häufige soziale Kontakte. Der erhöhte Testosteronspiegel wiederum bewirkt, dass die Hausmeerschweinchen weniger Cortisol ausschütten." Da eine starke physiologische Stressantwort aggressives Verhalten auslösen könne, erklären die Wissenschafter das umgängliche Verhalten der Hausmeerschweinchen mit der abgeschwächten Ausschüttung des Stresshormons. (red, derStandard.at, 12. 4. 2014)

  • Eher weit von der Urform entfernt: Ein aufgejazztes Meerschweinchen aus Ecuador.
    foto: ap photo/dolores ochoa

    Eher weit von der Urform entfernt: Ein aufgejazztes Meerschweinchen aus Ecuador.

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