Hans-Christian Dany: Warum ich Idiot werden will?

13. April 2014, 09:03
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Bevor ich beschloss, Idiot zu werden, war ich ein unzufriedener Mensch. Als einer von Millionen schlecht Gelaunten lebte ich matt in einer Gegenwart, die von einer nervösen Müdigkeit regiert wurde

Der Wille kam schleichend. Erst zeigte er sich nur als wilde Ahnung. Schleichend folgte ich den unscharfen Konturen immer weiter. Dann kam die Einsicht, am besten Idiot zu werden. Die Beute bedeutete aber nur einen Anfang. Was dann begann, war die Selbsterziehung hin zu einem idiotischen Subjekt, als einer Art von der allgemeinen Gesellschaft entkoppeltes Wesen, welches kaum noch durch Kommunikation gesteuert werden kann.

Bevor ich beschloss, Idiot zu werden, war ich nur ein unzufriedener Mensch. Als einer von Millionen schlecht Gelaunten überlebte ich matt in einer Gegenwart, die vom vielköpfigen König einer nervösen Müdigkeit regiert wurde. Jener Glanz der Behauptungen, der sich mit Demokratie und Kapitalismus einmal verbunden haben soll, hatte sich lange ins Stumpfe verabschiedet. Jetzt schweiften die Menschen in abgesteckten Kreisen umher, fast so, als sei die letzte Hoffnung, ginge man nur oft genug die gleiche Straße hinunter, würde die Sonne schon irgendwann wieder scheinen.

Im grauen Unbehagen der Wiederholung nörgelte ich an dem herum, was mich umgab. Ich ahnte, es handelt sich um eine sinnlose Übung, wusste aber nicht genau, warum. Eines Morgens verstand ich, wie plump meine Kritik und die der anderen den Kulissen die Pointen zuspielten. Die Dramaturgie der postdemokratischen Inszenierung, in der ich einen Punkt von vielen darstellte, hatte schon lange gelernt, jede Form der Abweichung oder eines Dagegen zum funktionalen Teil des Ganzen zu machen. Allein auf die Einbindung kam es an, dass möglichst viele Darsteller und Statisten als Abstraktionen der menschlichen Masse senden und empfangen.

Zeitnah sollen sich alle über ihr Handeln, ihre Wünsche und ihr Unbehagen mitteilen, um die Norm entsprechend anzupassen. Es besteht so ziemlich jede Freiheit im Denken, solange diese zur Aussage gebracht wird. Sehnsüchte, Begehren und Kritik kommen an zahllosen Schnittstellen zur Aussage. Die in ihren Speicherungen erkennbaren Muster bilden die Grundlage für statistische Einblicke in die gesellschaftlichen Gefüge. Mögliche Konflikte können oft allein durch Sichtbarkeit an der Oberfläche entschärft werden. Der sich ständig aktualisierende Einblick, die Transparenz, erlaubt es, auch in tieferen Regionen zu steuern. Ungeplant auftretende Intensitäten können entsprechend des Bedarfs der Steuerung kanalisiert werden, Widerstände werden gefällig positioniert, sodass sie, statt als Sand im Getriebe die Abläufe zu stören, zu erfrischender Energie umgedeutet werden können.

Störungen aller Art

Während meiner zunächst tastenden Einsicht in die Steuerung des Gefüges, in dem ich mich bewegte, stieß ich auf den Homöostaten. Entwickelt worden war das Modell einer Art Ausgleichsmaschine in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Ross Ashby, einem Pionier der Kybernetik - jener Wissenschaft, die sich mit der Steuerung durch Kommunikation in Lebewesen und Maschinen befasst. Hauptberuflich leitete der an Systemwissenschaft interessierte Psychiater eine Anstalt für Störgrößen, die geistesgestört genannt werden.

Ashbys Modell untersucht die Möglichkeit, den Lauf der Dinge mit offenem Ende zu denken. Es bildet den Versuch einer Formalisierung von Prozessen, deren Ausgang unbekannt ist. Die Unbestimmtheit betrifft aber nur die Zustände des prozessierten Systems, während sich dessen Prinzip hartnäckig selbst erhält. Der einzige Zweck des Homöostaten besteht darin, Störungen in seinen Selbsterhalt einzubinden. Die Vorlage dafür bildet ein faszinierendes Phänomen der Natur, das der Selbstregulation, durch die Organismen ihr Gleichgewicht selbsttätig wiederherzustellen. Das natürliche Wunder des Selbsterhaltungstriebes versucht Ashby in eine automatisierte Methode zu übersetzen. Sein Entwurf kann sich gegenüber Störungen aller Art öffnen, weil er selbst unbestimmt bleibt. Statt die Störung zu unterdrücken, erkennt er ihre Existenz an und versucht die Abweichung in Energie für die Belebung des Systems zu übersetzen. Widerstände werden zum Antrieb der Ordnung, gegen die sie sich wenden, umgewandelt. Regler richten die Zustände des Gefüges nach Störungen, Widerständen und Abweichungen aus, um so das Systemprinzip zu erhalten und vor der eigenen Lethargie zu bewahren.

Das Modell des Leiters einer geschlossenen Anstalt ähnelt den sich Anfang des 21. Jahrhunderts durchsetzenden ökonomischen Strukturen eines rasanten Wechsels von Boom und Krise. Es ist ein neuer Kapitalismus, der keinen perspektivischen Plan mehr verfolgt, sondern kurzfristig auf Möglichkeiten, vielleicht sind es nur Störungen, reagiert. Selbst das Wachstum wird infrage gestellt. Was kommt, scheint niemand zu wissen. Es wird sich damit abgefunden, im Kreis zu gehen.

In der Verschleißspirale scheint es kein wirkliches Problem, dass der letzte große Coup der Warenwelt, jene intelligenten Telefone, die massenhaft noch an die letzten Armen verteilt wurden, den Zenit zur Belebung der Märkte schon längst überschritten hat und diese bald überflüssig werden. Im nun angekündigten "Internet der Dinge" werden diese Werkzeuge des Übergangs nicht mehr gebraucht. Aber was waren diese handlichen Dinger und ihre Applikationen eigentlich, außer einer allgemeinen Verfügbarmachung von Requisiten aus Sci-Fi-Fernsehserien der Siebzigerjahre? Einmal Kapitän Kirk spielen gibt es jetzt im Abverkauf. Ein erstaunlich großer Haufen Elektroschrott in Zeiten, in denen uns versprochen wird, schon lange in der Wolke zu leben. Die Innovationsschrauben drehen auf der Stelle und bohren gelassen in längst gebohrte Löcher. Man hat sich abgefunden mit einem Fortschreiten, was nirgendwo hinwill, außer zu vermeiden, ins Grab des eigenen Systemprinzips zu steigen.

Die beharrliche Vermeidung eines besseren Lebens wirkt dabei ultrastabil. Sie versteht es, alle alternativen, widerständigen, fatalen, aufregenden oder absurden Begehren in ihre Stillstandsdynamik einzubinden. Agenten der Unternehmen tasten die Varianz des großen Rauschens aus Wünschen, der geschürten Sehnsucht nach Teilhabe, der Abneigung oder jenen zahllosen Fluchtlinien ab. Ein Management, das sich ins Mikroskopische ausgeweitet hat, passt sich dem, was als Störung erscheinen könnte, an, erkennt es als Energielieferant und verwertet es, um die Grundanordnung mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten. Dieser Priorität werden alle denkbaren Bestimmungen des Gefüges nachgeordnet. Das System erhält sich selbst und ist von jeder Ausrichtung entleert. Für seine Stabilität zahlt es den Preis, sich nicht mehr mit einer Vorstellung des Zukünftigen, einer Haltung, einem Ziel, einer Alternative, geschweige denn einer Utopie in Einklang bringen zu können.

Keine Gebrauchsidioten

Warum soll aber ausgerechnet der Idiot aus dem Stillstand herausführen? Sieht nicht vielmehr fast alles um uns herum danach aus, als sei es dafür gedacht, darin zu verblöden. Was ich mit Idiot meine, nimmt sich aber noch viel idiotischer aus als das, was von uns erwartet wird - es sind keine Gebrauchsidioten, sondern welche, die wirklich nicht zu gebrauchen sind. Für gewöhnlich ist mit "Idiot" ein Trottel gemeint, der uns auf die Nerven geht oder uns nützlich ist. In seinem sprachlichen Ursprung in der griechischen Antike bezeichnet der Idiot, "idiotes", hingegen den Privatmann. Er ist eine Art Gegenstück zum Bürger, der sich für die öffentliche Sphäre interessiert und an ihr teilhat, während sich der Idiot auf Haus und Hof zurückzieht, privatisiert. Auch die Idioten, als deren Botschafter ich hier auftrete, meiden die pervertierte Polis - jenen politischen Raum, der heute nur noch die leere Oberfläche einer sich zäh selbsterhaltenden ökonomischen Konstruktion namens Kapitalismus bildet. Die neue Bewegung der Idioten zieht sich, im Unterschied zum altgriechischen Idiot, aber nicht auf die Haushaltung zurück. Nein, er und selbstredend auch sie gehen auf die Straße, nicht um sich zu artikulieren, sondern um die Steuerung des öffentlichen Raums mit Zonen der Nichtverständigung zu unterbrechen. Nicht, weil sie gegen Technologie wären, vielmehr sich nicht abspeisen lassen, mit den ökonomisch ausgebremsten Möglichkeiten des technischen Fortschritts. Die Idioten agieren antiökonomisch. Sie informieren die Sensoren des Homöostaten nicht mehr. Sie hören auf, am kulturpessimistischen Erhalt des Systemprinzips durch mitteilungsbedürftige Kritik, nachhaltige Reparatur und kreativ erfrischende Störung mitzuarbeiten. Ihr Prinzip der Hoffnung ist dagegen, durch den Ausstieg aus der Kommunikation, die sie zu zappelnd eingebundenen Objekten vernetzt, eine Autonomie zurückzuerobern, die es ihnen erlaubt, ein Zimmer mit Aussicht zu betreten, durch dessen Fenster die Zukunft, als unterdrückte Zeitbombe im Homöostaten, wieder erkennbar werden kann. (Hans-Christian Dany, Album, DER STANDARD, 12./13.4.2014)

Hans-Christian Dany, geb. 1966, ist Künstler und Autor. Von ihm erschienen die Bücher "Speed. Eine Gesellschaft auf Droge" und "Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft" (Nautilus-Verlag 2014). Dany lebt in Hamburg.

  • Gebrauchsidiot: Was waren diese handlichen Dinger und ihre Applikationen eigentlich, jene intelligenten Telefone, die massenhaft noch an die letzten Armen verteilt wurden ...
    foto: ap/dan steinberg/invision

    Gebrauchsidiot: Was waren diese handlichen Dinger und ihre Applikationen eigentlich, jene intelligenten Telefone, die massenhaft noch an die letzten Armen verteilt wurden ...

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