"Ich brauche keinen Garten, um zu gärtnern"

11. April 2014, 18:09
56 Postings

Jährlich bietet die Raritätenbörse im Botanischen Garten Wiens seltene Blumen-, Obst- und Gemüsearten an

Wien - Die Tore des botanischen Gartens öffnen an diesem Wochenende etwas früher als gewöhnlich. Schon um 9.30 Uhr werden die Menschentrauben eingelassen, die sich draußen bereits gebildet haben. Mit Taschen, Körben und kleinen Kisten ausgestattet, strömen die Besucher zu den mit seltenen Pflanzenarten befüllten Ständen. Beim Haupttor ist die "Grüne Schule" darum bemüht, die Jüngeren anzusprechen: Blätter und Teile von fleischfressenden Pflanzen, Lotussamen und getrockneten Schwammkürbissen können unter dem Mikroskop betrachtet werden. Ein Stückchen weiter findet sich ein Stand mit Alpengartenraritäten.

Die waren ein maßgeblicher Faktor bei der Gründung der Raritätenbörse, erzählt Frank Schumacher, stellvertretender Gartenleiter des Botanischen Gartens der Universität Wien. Während er spricht, bleiben Besucher stehen, um ihn zu grüßen, kurz zu plaudern oder nach bestimmten Pflanzen zu fragen. "Das nächste Mal kommen wir öffentlich. Es war kein Parkplatz zu kriegen", sagt eine Frau. "Vor ein paar Jahren war das noch anders." Frank Schumacher bestätigt diesen Eindruck. Die Besucherzahlen steigen von Jahr zu Jahr, sagt er. Bei gutem Wetter kommen schätzungsweise 12.000 bis 14.000 Menschen. Früher waren das vor allem ältere Menschen mit eigenem Garten. Das Publikum werde aber immer jünger. Heutzutage sagten die Leute: "Ich brauche keinen Garten um zu gärtnern."

Wert auf Vielfalt

Gegründet wurde die Raritätenbörse im Jahr 2002. Eine Gruppe von Alpenpflanzenzüchtern initiierte sie gemeinsam mit der Österreichischen Gartenbaugesellschaft. Sie versuchten Laien und Menschen ohne eigenen Garten das Ziehen von Alpenpflanzen in selbst gebauten Trögen schmackhaft zu machen, und hatten damit offenbar Erfolg. Damals stellten nur vier Anbieter ihr Sortiment aus, heute sind es über 50. Von seltenen Gemüsesorten und Obstbäumen, über fleischfressende Pflanzen, Orchideen und Pfingstrosen bis zu Tillandsien und Kakteen, findet sich ein breites Angebot. Bei der Auswahl der Aussteller werde vor allem auf eine große Vielfalt Wert gelegt, sagt Schumacher. Pflanzen, die nicht grundsätzlich rar, aber in Österreich schwer zu bekommen sind, finden sich ebenso wie sehr seltene, völlig neue oder in Vergessenheit geratene Arten und Sorten.

Die Aufgaben des Botanischen Gartens sieht Schumacher in der Forschung, in der Ausbildung von Studierenden, im Naturschutz und in der Vermittlung von Wissen an die Bevölkerung. Die industrielle Lebensmittelproduktion und der Anbau in Monokulturen sorge für Vereinheitlichung, wodurch immer mehr Gemüse- und Obstsorten seltener werden oder verschwinden. Zimmer- und Gartenpflanzen werden zudem oft als austauschbare Massenware in Groß- und Supermärkten angeboten. Die Leute kaufen sie aus einem Impuls heraus, ohne immer zu wissen, wie sie zu pflegen sind. Pflanzen werden damit zum Wegwerfprodukt. "Oft genug beschäftigen sich Menschen heute länger mit der Auswahl eines neuen Autos als mit der eines Apfelbaums, obwohl sie den Baum nur einmal für ein ganzes Leben pflanzen", sagt Schumacher.

Neugier als Motivation

Wissensvermittlung sei deshalb ein wichtiger Aspekt der Raritätenbörse. Es sei aber nicht zu verhindern, dass Käufer Pflanzen erstehen, die sie nicht pflegen können. Doch die Verkäufer seien mitverantwortlich, sagt Schumacher. Wenn sie im Gespräch merken, dass der Interessierte sich nicht auskennt, können sie beraten, Tipps geben oder sogar vom Kauf abraten.

Die Besucher der Börse scheinen die Beratung zu schätzen. An vielen Ständen wird angeregt diskutiert, gefragt und erklärt. "Ich habe nicht viel Sonne", meint eine Frau. Der Verkäufer beruhigt sie: Der japanische Schachtelhalm fühle sich auch im Schatten wohl. An einem anderen Stand fragt eine Frau nach der Farbe der Blüten. "Das müssen Sie selbst herausfinden", antwortet der Aussteller.

Neugier sei neben Sammelleidenschaft und Selbstversorgung ein wichtiger Aspekt der Raritätenbörse, sagt Gartenleiter Schumacher - für die Besucher wie für die Anbieter. Professionelle Pflanzenzüchter kommen mit eigenen Kreationen, die es sonst nirgendwo gibt. Hobby-Gärtner - die zu Hause im kleinen Garten, am Balkon oder Fensterbrett experimentieren - bringen zum Beispiel Sämlinge mit und wissen manchmal noch gar nicht, wie die später blühen werden. (Christa Minkin, derStandard.at, 11.4.2014)


Raritätenbörse im Botanischen Garten in Wien

Freitag, 11. bis Sonntag, 13. April, täglich von 9.30-18.00 Uhr

 

 

  • Die Raritätenbörse findet jährlich im April im Botanischen Garten in Wien statt.
    foto: christa minkin

    Die Raritätenbörse findet jährlich im April im Botanischen Garten in Wien statt.

  • Einige Aussteller bieten fleischfressende Pflanzen an.
    foto: christa minkin

    Einige Aussteller bieten fleischfressende Pflanzen an.

  • Dieser Anbieter ist auf unterschiedliche Beerensorten spezialisiert.
    foto: christa minkin

    Dieser Anbieter ist auf unterschiedliche Beerensorten spezialisiert.

Share if you care.