"Bravo" trennt sich von Dr. Sommer

11. April 2014, 11:34
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Pädagogin Jutta Stiehler muss nach 16 Jahren gehen

Die Aufklärerin einer Nation muss gehen. Das Jugendmagazin "Bravo" beendet die Beziehung mit Jutta Stiehler. Die 56-jährige Pädagogin stand Jugendlichen 16 Jahre lang als Dr. Sommer zur Seite - mit Tipps vor dem ersten Geschlechtsverkehr bis zur Anwendung von Verhütungsmethoden.

Stiehlers Part sollen künftig Freie und Volontäre übernehmen, das berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Der Grund für die Trennung sind Sparvorgaben der Bauer Media Group. Die Auflage von "Bravo" erodiert seit Jahren. 1996 betrug die verkaufte Auflage noch 1,4 Millionen, heute geht das Heft pro Woche rund 200.000 Mal über den Ladentisch.

"Das Alleinstellungsmerkmal von "Dr. Sommer" war immer die persönliche Beratung", sagte Stiehler zur "Süddeutschen Zeitung". "Aber tatsächlich bekommen die Leser jetzt offenbar häufig vorgefertigte Antworten, da bleibt ein bitterer Nachgeschmack."

Team übernimmt

Der Sprecher der Bauer Media Group hielt dagegen: "Die Anfragen werden in der Regel persönlich beantwortet. Die hohe Beratungsqualität ist der Kern des "Dr.-Sommer"-Teams. Das bleibt auch so." Die Themen Liebe, Sex und Aufklärung spielten weiter eine wichtige Rolle bei "Bravo".

Erster "Dr. Sommer" war 1969 der Düsseldorfer Psychotherapeut Martin Goldstein gewesen. 15 Jahre lang leitete Goldstein die Rubrik, die das Heft 1972 zweimal auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften brachte. Als Goldstein die Selbstbefriedigung enttabuisierte, befanden die staatlichen Jugendschützer: "Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."

Damals gingen tausende Briefe wöchentlich in der Redaktion ein. Die "Bravo" stellte ein ganzes Team ein, um sie nach Goldsteins Vorgaben "unverklemmt" zu beantworten. Dabei war der Aufklärer Goldstein, der 2012 im Alter von 85 Jahren starb, selbst nie aufgeklärt worden. "Mit 23 Jahren hatte ich das erste Mal näheren Kontakt zu einer Frau", erzählte er einmal aus seiner Zeit als Medizinstudent im Präparierkurs: "Sie hatte keinen Kopf und schwamm in einer giftigen Lauge." (red, APA, derStandard.at, 11.4.2014)

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