Japans Regierung beschloss Wiedereinstieg in Atomkraft

11. April 2014, 10:40
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Bevölkerung laut Umfragen mehrheitlich dagegen

Tokio - Die japanische Regierung hat trotz der massiven Ablehnung in der Bevölkerung den Wiedereinstieg in die Kernkraft beschlossen. Das Kabinett in Tokio verabschiedete am Freitag einen Energie-Plan, der drei Jahre nach der Fukushima-Katastrophe den Ausstieg der Vorgängerregierung rückgängig macht. Darin wird die Atomkraft als "wichtige Energiequelle für die Grundversorgung" bezeichnet. Industrieminister Toshimitsu Motegi betonte, die Abhängigkeit des Landes von der Atomkraft werde "durch eine Reihe von Maßnahmen" verringert. Konkrete Vorgaben zu den jeweiligen Anteilen im Energiemix macht der Plan nicht. Die Regierung könnte diese in zwei oder drei Jahren festlegen, sagte Motegi.

Bis 2011 war ein Drittel Atomenergie

Japan deckte vor dem Fukushima-Unglück im März 2011 - der größten Atomkatastrophe seit Tschernobyl - knapp ein Drittel seines Energiebedarfs über die Kernkraft. Als Reaktion auf das Desaster beschloss die Regierung der Demokraten den Ausstieg. Allerdings übernahmen die Liberaldemokraten Ende 2012 die Macht. Ministerpräsident Shinzo Abe hat die Abgeordneten seiner Partei und des Koalitionspartners Neue Komeito monatelang bearbeitet, um ihre Zustimmung zum neuen Energie-Plan zu gewinnen. Die buddhistisch geprägte Komeito lehnt die Kernenergie ganz ab.

Laut Zeitungsbefragung 80 Prozent dagegen

Umfragen zufolge sind auch zwei Mal so viele Japaner gegen ein Wieder hochfahren der fast 50 eingemotteten AKWs als dafür. Eine Befragung der Zeitung "Asahi" im vergangenen Monat ergab, dass fast 80 Prozent der Bevölkerung den Ausstieg aus der Kernkraft wollen. Neben der Katastrophe selbst sind die anhaltenden Probleme des Fukushima-Betreibers Tokyo Electric Power (Tepco) bei der Bewältigung der Folgen Grund für die Skepsis. Allerdings zahlt Japan einen hohen Preis für die Atom-Pause. Es hat fast 90 Milliarden Dollar für fossile Brennstoffe ausgegeben, um den Strombedarf konventionell zu decken. Die Handelsbilanz des Inselstaates kommt wegen der Importe nicht aus den roten Zahlen heraus.

Höhere Kosten durch verschärfte Sicherheitsauflagen

Einer Analyse der Nachrichtenagentur Reuters zufolge können möglicherweise zwei Drittel der japanischen Reaktoren wegen der Kosten für verschärfte Sicherheitsauflagen und anderer, zum Teil politischer Faktoren gar nicht wieder ans Netz gehen. Es bleibt daher fraglich, ob der geplante Wiedereinstieg gelingen und welche Rolle die Kernkraft in Japan künftig spielen wird.

Laut Reuters sollen 17 Reaktoren voraussichtlich stillgelegt bleiben. Bei weiteren 17 Anlagen gilt die Zukunft wegen Sicherheitsbedenken oder politischen Gegenwinds als ungewiss. Der Beitrag der Atomenergie zur Energieversorgung könnte damit auch künftig unter zehn Prozent verharren. Damit bleibt die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt weiter abhängig von fossilen Brennstoffen aus dem Ausland.

Weil eine kräftige Erhöhung der Strompreise als politisch nicht durchsetzbar gilt, bleiben die Betreiber auf Verlusten sitzen. Die Versorger Hokkaido Electric Power und Kyushu Electric Power baten um staatliche Unterstützung, weil sie voraussichtlich schon das dritte Jahr in Folge Verluste einfahren und es damit immer schwer haben, an neue Kredite zu kommen. Der Betreiber des Katastrophenreaktors, Tepco, musste bereits 2012 vom Staat aufgefangen werden.

Wann die ersten japanischen Atomkraftwerke wieder ans Netz gehen, ist nach wie vor ungewiss. Einige Energiekonzerne planen intern mit einem Wiederhochfahren in diesem Sommer.

Bisher haben acht Konzerne bei den Aufsehern der Atombehörde NRA Sicherheitsinspektionen beantragt, um insgesamt 17 Reaktoren wieder ans Netz zu bringen. Doch selbst wenn die NRA grünes Licht gibt, fällt die letzte Entscheidung vor Ort, wo neue Unwägbarkeiten lauern. Die Mehrheit der japanischen Bevölkerung ist nach Fukushima und den vielen Pannen bei den Aufräumarbeiten mittlerweile gegen Atomenergie. Viele Bürgermeister hoffen ihrerseits auf das Wiederanfahren der Reaktoren, weil sie auf Arbeitsplätze und Subventionen schielen. (APA/Reuters, 11.4.2014)

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    foto: reuters
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