"Schüler sind die größten Opfer von Spindeleggers Sparzwang"

11. April 2014, 13:45
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BMHS-Vizevorsitzender Heinrich Himmer: Kleinere Klassen waren erfolgreiche Maßnahme zur Senkung der Drop-out-Zahlen

Wien - Es ist kein Zufall, dass es die Gewerkschaft der Lehrerinnen und Lehrer an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) war, die als erste vor dem anstehenden Sparpaket für den Schulbereich warnte. Denn es wird vor allem auf die höheren Schulstufen Auswirkungen haben, und da haben die BMHS besondere Herausforderungen, "weil die Eingangsvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedlich sind - anders als bei den AHS, die in den meisten Fällen an eine Unterstufe anschließen", sagt der Vizevorsitzende der BMHS-Lehrergewerkschaft, Heinrich Himmer (FSG), im Gespräch mit derStandard.at. Er warnt vor unerwünschten, ja gefährlichen Nebenwirkungen der nun drohenden Einsparungen über den Weg der Klassenvergrößerungen: "Das ist einfach ein Sparen an der falschen Stelle."

9. Schulstufe ein "besonderes Dilemma"

Dass es vor allem die neunte Schulstufe und die Klassen darüber treffen wird, wie Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) im Ö1-"Morgenjournal" bestätigte, sei "ein besonderes Dilemma", kritisiert der sozialdemokratische Gewerkschafter: "Das sind die ersten Jahrgänge in der Oberstufe, und man hat die kleineren Klassen dort extra eingeführt, um große Drop-out-Zahlen zu minimieren. " Erfolgreich, wie der Lehrergewerkschafter betont.

Konterkariert Ausbildungspflicht

Umso unverständlicher sei es, dass eine Regierung, die eine Ausbildungspflicht bis 18 Jahren verordnen will, dann genau eine schulpolitische Maßnahme aus budgetärer Zwangslage realisieren will, die dieses Vorhaben konterkariert und die Zahl der Schulabbrecher nicht senken, sondern das Gegenteil auslösen dürfte. "Bei 36 Schülern ist es fast nicht möglich, Lernschwächen gezielt zu erkennen und zu fördern, dabei brauchen die Schüler gerade im ersten Jahr in einer höheren Schule besonders viel Zuwendung und Individualisierung", sagt Heinrich Himmer.

Obergrenze 36 schon jetzt Realität

Von welchen Klassengrößen ist die Rede? Es gibt derzeit eine absolute Obergrenze von 36 Schülern pro Klasse. "Und die kommt auch heute schon vor", betont Gewerkschafter Himmer. Aufgrund von sogenannten Teilungszahlen darf in der Oberstufe aber zum Beispiel in Fremdsprachen die Schülerzahl 25 nicht überschritten werden - oder es muss klassenübergreifend eine neue Sprachenklasse eröffnet werden. Die Lehrergewerkschafter gehen davon aus, dass es da sicher eine Erhöhung geben wird. In Deutsch wird derzeit ab 31 Schülern pro Klasse geteilt, ebenso in Mathematik. Zusätzlich gibt es solche "Teilungszahlen" zum Beispiel für "typenbildende Gegenstände", etwa in der Handelsakademie gilt die Schülerzahl 31 für BWL oder Rechnungswesen. In einer HTL kann das ein technischer Gegenstand sein, den die Direktion bestimmen kann im Hinblick auf ein spezifisches Bildungsziel der jeweiligen Schule.

Untergrenze für Klasseneröffnung

Es gibt aber auch eine Untergrenze für Klassen und auch da fürchten die Lehrergewerkschaften eine Verschlechterung, nämlich dass nicht mehr 20 Schülerinnen und Schüler reichen für die Eröffnung einer Klasse, sondern dass diese Zahl angehoben werden könnte auf 25. "Was passiert dann", fragt Himmer? Müssen die Schüler lange Wege in Kauf nehmen in andere Schulen? Oder Klassenzusammenlegungen, die erst recht wieder Großklassen ergeben? Für Himmer ist klar, was die Vorgaben von Finanzminister Michael Spindelegger (ÖVP) bedeuten: "Die Schülerinnen und Schüler sind die größten Opfer von Spindeleggers Sparzwang."

Auch die Kürzungen im sogenannten Topf "UT 8", in dem die Schulen Geld für Sachaufwendungen - "von Klopapier über Druckerpapier und Hardware bis hin zu externem Reinigungspersonal" laut Himmer - bekommen, stehen Kürzungen bevor. Das ist allerdings auch der Topf, aus dem die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer finanziert wird. Und natürlich steht auch die Zahl der "Werteinheiten", also wie viele Lehrerinnen und Lehrer eine Schule bekommt, zur Disposition.

Quin warnt vor sinkender Unterrichtsqualität

In eine ähnliche Kerbe schlägt der Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, Eckehard Quin (FCG): "Es wird weniger Personal geben und natürlich werden diese Maßnahmen den Unterrichtsbereich treffen", sagt er im derStandard.at-Gespräch. Wenn Heinisch-Hosek sage, sie wolle viel über den Verwaltungsbereich einsparen, dann könne sich das aufgrund der Dimensionen gar nicht ausgehen. Die angekündigte Veränderung der Teilungszahlen werde sich zwangsläufig "auf die Unterrichtsqualität auswirken".

Hypo verheizt Schulen

Quin stößt sich aber auch ganz grundsätzlich an den Sparzumutungen für den Schulbereich: "Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, dass wir Geld in irgendwelche Pleitebanken pumpen und dann für Bildung kein Geld da ist. Was die Regierung jetzt in zwei Jahren im Bildungsbereich einsparen will, hat die Hypo in nur 17 Tagen verheizt", rechnet Quin unter Verweis auf die 2,7 Milliarden Euro im Jahr 2013 für die Hypo vor.

Für Heinisch-Hoseks "Einladung" an die Gewerkschaft, doch mit ihr gemeinsam Sparmöglichkeiten zu suchen, hat der AHS-Gewerkschafter nur ein Wort übrig: "Putzig." Wenn das eine Ministerin sage, die die Gewerkschaft bis jetzt zu keinem einzigen Gespräch über das Budget eingeladen habe, dann sei so etwas schon eher skurril. (Lisa Nimmervoll, derStandard.at, 11.4.2014)

  • Die Gewerkschaft befürchtet eine sinkende Unterrichtsqualität.
    foto: dpa/pleul

    Die Gewerkschaft befürchtet eine sinkende Unterrichtsqualität.

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