Desillusionierte Uni-Abgänger?

11. April 2014, 09:22
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Karrierepräferenzen im Laufe der Zeit

Im Rahmen des Vienna Career Panel Project wurde die persönliche Bedeutung bestimmter Karriereaspekte erfragt. Wie hat sich die Bewertung sowohl zwischen den drei Kohorten (Studienabschluss um 1970, 1990 oder 2000) als auch jeweils während der ersten zwölf Jahre (Etablierungsphase) verändert?

Einkommen: Die Bedeutung dieses Aspekts steigt bei allen drei Kohorten im Verlauf der Etablierungsphase an, wobei die 1970er-Kohorte schon von Anfang an auf Einkommen Wert legt, während es die beiden jüngeren Kohorten in den ersten beiden Jahren deutlich "billiger geben".

Gesellschaftliches Ansehen ist überraschenderweise für die jüngste Kohorte (auf konstantem Niveau) am wichtigsten. Bei den beiden älteren Kohorten steigt die Bedeutung erst ab dem sechsten Jahr auf ein vergleichbares Niveau an.

Umgekehrt fachliche Weiterentwicklung: Diese hat für alle drei Kohorten am Anfang sehr hohe Bedeutung, die im Karriereverlauf bei den älteren Kohorten nur sehr wenig, bei der 2000er-Kohorte hingegen deutlicher abnimmt.

Persönliche Weiterentwicklung ist für die 2000er-Kohorte anfangs sehr wichtig, nimmt in ihrer Bedeutung aber schnell ab. Bei der 1990er-Kohorte ist es umgekehrt. Die 1970er-Kohorte legt durchgängig weniger Wert darauf.

Autonomie und Freiheit werden für alle drei Kohorten im Berufsverlauf zunehmend wichtiger, besonders für die 1990er- und 2000er-Kohorte. Gemeinsam mit fachlicher und persönlicher Weiterentwicklung bildete dieses Kriterium die Top drei in puncto Gesamtbedeutung.

Ebenso zeigt sich für alle drei Kohorten ein (weitgehend linearer) Anstieg der Bedeutung von Sicherheit und Stabilität, wobei dieses Kriterium umso wichtiger ist, je jünger die Kohorte. Insgesamt war dieses Kriterium allerdings gemeinsam mit gesellschaftlichem Ansehen am wenigsten bedeutsam.

Die Bedeutung von Freizeit steigt hingegen (bei ähnlichem Ausgangsniveau) bei der 2000er-Kohorte deutlich an, bei der 1990er-Kohorte ab dem fünften Berufsjahr ebenfalls, bei der 1970er-Kohorte sinkt sie hingegen minimal.

Die Entwicklung der Bedeutung von Veränderung und Abwechslung ist ähnlich wie bei persönlicher Weiterentwicklung: anfangs für die 2000er-Kohorte am wichtigsten mit sinkender Bedeutung, umgekehrt für die 1990er-Kohorte. Die 1970er-Kohorte misst diesem Kriterium durchgängig weniger Bedeutung bei.

Ein "statischer" Gesamtvergleich suggeriert, dass in den jüngeren Kohorten Karriereaspekte wie persönliche Weiterentwicklung, Autonomie, Abwechslung und Freizeit, gesellschaftliches Ansehen, aber auch Sicherheit und Stabilität insgesamt wichtiger sind, während "klassische" Aspekte wie Einkommen und fachliche Weiterentwicklung an Bedeutung verloren, sind die Ergebnisse für die jeweilige Entwicklung in den ersten zwölf Karrierejahren etwas anders. Hier gewinnen nur Einkommen, Autonomie und Sicherheit sowie (außer bei der 1970er-Kohorte) Freizeit durchgängig an Bedeutung. Ein Zeichen für eine von allen Kohorten geteilte steigende Desillusionierung? (Michael Schiffinger, DER STANDARD, 5./6.4.2014)

Michael Schiffinger ist Senior Scientist an der Wirtschaftsuniversität Wien. 

vicapp.at

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