Eine Debatte, die nie geführt wurde

11. April 2014, 05:30
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Sprachwissenschafter über die Entwicklung von politischer Korrektheit in Österreich und welche Wörter warum gebraucht werden

Wien - Heinz-Christian Strache macht es sich einfach: "Man soll nicht Sprachpolizei spielen", sagt der FPÖ-Chef im Interview mit der ZiB 2 - und trifft damit, wohl unwissentlich, den Kern des Problems. Es ist sein Versuch, zu rechtfertigen, dass Andreas Mölzer und andere freiheitliche Funktionäre gewisse Begriffe, vornehmlich das Wort "Neger", verwenden als wären es ein gewöhnliches Substantiv ohne geschichtlichen Hintergrund. Neger zu sagen, sei zwar "unnotwendig", aber doch erst verwerflich, wenn es jemand "im Kontext, inhaltlich" beleidigend verwende, führt Strache aus.

Oberflächliche Debatte

Als in den 1990er-Jahren die Debatte rund um Political Correctness aus den USA nach Europa getragen wurde, hatte sie in Amerika bereits ihren Höhepunkt erreicht. Dort stand ein jahrzehntelanger Widerstandskampf benachteiligter Bevölkerungsgruppen im Hintergrund - und eine daraus entstandene Auseinandersetzung mit der Thematik. "Bei uns hingegen blieb die Debatte oberflächlich. Sie beschränkt sich im Wesentlichen auf gewisse Begriffe und ob man diese verwenden darf oder nicht", sagt Helmut Gruber, Sprachwissenschafter an der Universität Wien.

Die Frage nach dem Warum blieb aus. Im deutschsprachigen Raum sei zu diesem Thema auch kaum geforscht worden, weshalb eine ethnologische Herleitung lange umstrittener Gruppenbezeichnungen nicht dokumentiert ist. "Deshalb ist es heute wichtig, dass man den Menschen zuhört und jene Bezeichnung verwendet, die eine Gruppe für sich selbst beansprucht" , sagt Gruber.

Eine Frage des Respekts

Auch für Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch, dreht sich die Diskussion um die Frage nach Respekt: "Während es ein immer breiteres Bewusstsein dafür gibt, dass das N-Wort von vielen Schwarzen als beleidigend empfunden wird, verbinden nach wie vor viele Österreicher nichts Negatives mit Begriffen wie Mohr, Zigeuner, Indianer oder Eskimo."

Der Begriff Neger korrespondiert mit dem amerikanischen Wort "Negro", das ursprünglich neutral besetzt war. "Nigger" war hingegen schon immer ein Schimpfwort, aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit werden deshalb heute beide Begriffe abgelehnt. "Die Selbstbezeichnung Afroamerikaner soll darauf aufmerksam machen, dass die schwarzen Amerikaner ursprünglich gegen ihren eigenen Willen als Sklaven auf den amerikanischen Kontinent geholt wurden", sagt Gruber.

Harald Vilimsky, neuerdings FPÖ-Solo-Spitze für die EU-Wahl, statuierte im Ö1-Morgenjournal, dass die politische Korrektheit "noch nicht in der breiten Wahrnehmung der Bevölkerung angekommen" sei - und macht seine Aussage an dem Begriff "Eskimo" fest, der oft unbedacht verwendet würde. Das Wort "Eskimo" sei von Beginn an negativ konnotiert gewesen, weil ihm die Bedeutung "Rohfleischesser" zugeschrieben wurde, was die Inuit als abwertend empfinden, erklärt Gruber.

Geschichtliche Verbindung

Dass Begriffe wie "Eskimo" oder "Indianer" weniger diskutiert werden als etwa "das N-Wort", habe "damit zutun, dass es eine wesentlich engere Verbindung zwischen der Geschichte und Gegenwart Österreichs und schwarzen Menschen oder Roma und Sinti gibt als mit amerikanischen Ureinwohnern und Inuit", sagt Pollak. Von wissenschaftlicher Seite könne man jedoch keinen Katalog erstellen: "Sprache entwickelt sich ständig weiter, und wir werden immer sensibler", sagt Gruber. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 11.4.2014)

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