Ein System mit Immunschwäche

Kommentar10. April 2014, 18:07
31 Postings

Das Arbeitszeitproblem der Spitäler offenbart Stögers geringen Handlungsspielraum

Weltbewegendes gibt es aus dem Sozialministerium zu vermelden: Pfeilschnell hat man dort im Zuge eines Krisentreffens erkannt, dass die heimischen Spitalsärzte zu viel arbeiten - und eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Drei Wochen nach einer Mahnung der EU-Kommission, die von Österreich eine unionskonforme Lösung fordert. Bis zu 72 Wochenstunden dürfen Ärzte hierzulande arbeiten, die EU wünscht maximal 48. Bis Ende Mai soll nun die Arbeitsgruppe eine Lösung finden.

Dass kein Patient von einem übermüdeten Arzt operiert werden will, liegt auf der Hand. Darüber hinaus ist die Gemengelage kompliziert: Kürzer arbeiten, das mag für Ärzte grundsätzlich fein klingen. Aber es gibt Gruppen, die zu Recht um ihr Gehalt fürchten. Turnusärzte oder junge Oberärzte zum Beispiel, deren Monatsbrutto ohne Zulagen sich in manchen Bundesländern zwischen 2000 und 3000 Euro bewegt.

Das ist wahrlich kein üppiges Salär für jemanden, der viele Jahre studiert hat und in dessen Beruf es potenziell um Leben und Tod geht. Da bringen Überstunden, Nacht- und Wochenenddienste ein willkommenes Zubrot. Ohne ein höheres Grundgehalt für Mediziner wird es keine Arbeitszeitreform geben können. Und dass ältere Ärzte zugunsten jüngerer auf Gehalt verzichten, darf bezweifelt werden.

Dann sind da die Spitalserhalter - in der Regel die Länder -, die eine Explosion ihrer Lohnkosten fürchten, falls sie die fehlenden Ärzte überhaupt finden. Sogar in Wien, wo mehrere Jahre Wartezeit auf einen Turnusplatz bis vor kurzem noch Usus waren, sind mittlerweile die Wartelisten praktisch leer. Ländliche Krankenhäuser kämpfen seit Jahren mit Nachwuchsmangel. Dabei ist man gerade erst am Beginn des Flaschenhalses, der durch die Zugangsbeschränkungen zum Medizinstudium entstanden ist.

2011 scheiterte zuletzt ein Anlauf des Sozialministers, kürzere Ärztedienstzeiten zu etablieren - hauptsächlich am Widerstand der Länder. Sozialminister Rudolf Hundstorfer kann seinen Genossen, Gesundheitsminister Alois Stöger, wohl um Rat fragen, wie man die Länder an die Kandare bringt. Aber Stöger hat in dieser Frage kraft des Gesetzes rein gar nichts zu sagen.

In all der Fragmentiertheit des Gesundheitssystems ist das vielleicht das größte Dilemma: dass der, der das große Ganze im Blick haben sollte - der Minister -, nur wenig Handlungsspielraum hat.

Ein paar Beispiele gefällig? Ob sich die Gratiszahnspange finanziell in die Tat umsetzen lässt, hängt rein von den Verhandlungen der Sozialversicherung mit der Zahnärztekammer ab. Ob die Gesundheitsreform ein Erfolg wird, liegt in den Händen der Landespolitik und der Gebietskrankenkassen. Über die Zahl der Medizinstudienplätze entscheidet der Wissenschaftsminister. Und zu welchen Bedingungen junge Ärzte angestellt werden - hier schließt sich der Kreis -, der Sozialminister. Der hat am Donnerstag sicherheitshalber schon prognostiziert, dass die Arbeitszeitreform "Jahre brauchen" wird.

Ein Jahrhundertprojekt wäre es wohl, das Gesundheitsministerium - das vor wenigen Monaten noch von der Abschaffung bedroht war - mit echten Kompetenzen auszustatten. Dann wäre Schluss mit den vielen Reibungsverlusten, die zu einer chronischen Immunschwäche des Gesundheitssystems führen. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 11.4.2014)

Share if you care.