Die Energie aus der Stille

10. April 2014, 17:07
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Zum 100. Geburtstag würdigt das Filmmuseum Marguerite Duras mit einer Retrospektive: Auch das filmische Werk der französischen Autorin weiß von der Unmöglichkeit des Erzählens

Wien - Unter den vielen Masken, die ein Regisseur tragen muss, gehört die Souveränität zu den wichtigsten: die Versicherung, alles in einem Film sei absichtsvoll. Marguerite Duras verstand sich meisterhaft auf derlei Maskierung. India Song, mit dem sich die Schriftstellerin 1975 endgültig als Regisseurin durchsetzte, hätte eigentlich eine andere filmische Gestalt annehmen sollen. Michel Lonsdale, einer ihrer Darsteller, erzählte einmal, wie Duras' Plan durch ein Versehen vereitelt wurde.

Es war nicht vorgesehen, dass die Dialoge der Darsteller aus dem Off erklingen sollten. Ihre Szenen waren ganz konventionell als Mischung von Stimme und Musik geplant. Aber dann legte der Toningenieur heftigen Widerspruch ein: Die Schauspieler würden übertönt von der Musik, die Duras auf dem Set einspielen ließ. Sie müsse sich für einen Direktton entscheiden, den der Schauspieler oder der lautstarken Begleitung.

Duras wählte die zweite Variante und entschuldigte sich bei den Darstellern: "Ich bin schließlich keine Filmemacherin, sondern nur eine Schriftstellerin, die auch Kino macht." So bewegen sich Lonsdale, Delphine Seyrig und ihre Partner nun schweigend wie Geister durch die Szenen. Duras machte sich ein Missgeschick dienstbar, das im Nachhinein prächtig zu ihrem erzählerischen Konzept zu passen scheint.

Die Anekdote legt eine hübsche Spur aus zu Duras' asketischem Kino der Verinnerlichung. Diese Filmemacherin mag sich nicht dazu durchringen, ihren Werken das Gewicht einer Geschichte aufzubürden. Sie scheut die Asymmetrie von Gegenwärtigem und Abwesendem nicht; gern lässt sie das Wesentliche außerhalb des Bildkaders geschehen. Der Lastwagen, in dem Duras und Gérard Depardieu nicht mehr tun, als über ein Drehbuch zu sprechen, ist ein Meisterstück solch erzählerischer Genügsamkeit. Die Handlungsarmut ist freilich nuancenreich, wandelt sich durch das Temperament der Darsteller.

Wenn es eine Korrespondenz zwischen Duras' schriftstellerischer und ihrer Arbeit im Kino gibt, besteht sie darin, dass sie auf beiden Terrains mit der Unmöglichkeit des Erzählens kokettiert. Ihre Prosa folgt einem ganz anderen Rhythmus, einem freizügigen Bau der Sätze, einem brüsken Fluss der Gedanken; sie verrät ein Faible für widerspenstige Adjektive. Fast zehn Jahre hat sie nach Hiroshima mon amour gezögert, selbst Regie zu führen.

Gleichwohl ist das Kino für sie ein verwandtes Feld, in dem die Stille eine eigene Energie, das Schweigen ein eigenes Timbre entfaltet. In beiden Disziplinen wird ein unverwechselbarer Duras-Ton vernehmlich: einer der Lebenserschöpfung, aber auch der seligen Ermattung nach "vollbrachter Liebe". Duras' Lust am gesprochenen Wort, an der insistierend-träumerischen Gründlichkeit, mit der über die Namen von Figuren und exotischen Orten Auskunft gegeben wird, war für Schauspieler von jeher verführerisch. Emmanuelle Riva war erstaunt, welch großen Wert Alain Resnais bei Hiroshima mon amour auf den Klang der Erzählstimme aus dem Off legte.

Präsenz der Stimme

Duras schrieb großartig wehmütige Rollen für Alida Valli und Georges Wilson in Une aussi longue absence (Noch nach Jahr und Tag, Regie: Henri Colpi). Jeanne Moreau und vor allem Delphine Seyrig wurden zu ihren filmischen Doubles, bevor Duras' eigene Stimme zu einer dominierenden Präsenz in ihren Filmen wurde. Ihre großen Themen sind Liebe, Verlust und Tod. Ihrem Werk eignet, auf dem Papier wie auf der Leinwand, ein Flair des Autobiografischen, der unermüdlichen Lebensbeichte. Mit Hiroshima mon amour macht sie das Motiv der Liebesbegegnung zwischen Europa und Asien im Kino heimisch. Man bleibt einsam an exotischen Schauplätzen; der Geliebte darf stets der Andere bleiben.

Das Nebeneinander von Lust und Schmerz, das erstmals im berühmten "Du bringst mich um, du tust mir wohl" in Hiroshima ausformuliert ist, findet ein mannigfaches Echo in ihrem späteren Werk, bevor es in ihrem Bestseller Der Liebhaber kulminiert. Die Formen und Gesten weiblicher Erinnerung üben eine unbeirrbare Faszination auf Duras aus. In ihren ersten Filmdrehbüchern gibt es noch ein Gegenüber (wenn auch eines, das sich verweigert) für die Beschwörung der Vergangenheit, in Der Liebhaber bleibt ihr nur noch der Leser. (Gerhard Midding, DER STANDARD, 11.4.2014)

Bis 8. Mai

  • Figuren, die sich schweigend wie Geister durch die Szenen bewegen: Michael Lonsdale und Delphine Seyrig in Marguerite Duras' Film "India Song".
    foto: filmmuseum

    Figuren, die sich schweigend wie Geister durch die Szenen bewegen: Michael Lonsdale und Delphine Seyrig in Marguerite Duras' Film "India Song".

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