Auf den Kopf gestellt

Blog13. April 2014, 16:56
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Unsentimental rau, existentiell verbindlich: Der Schriftsteller Ilija Trojanow über Alban Bergs "Wozzeck"

Viele Menschen gehen ungern ins Theater wenn die Sonne scheint. Bei mir ist es umgekehrt. Wenn es draußen so dunkel und düster wie drinnen ist, fließen mir Alltag und Entrückung zu sehr ineinander. Wenn aber in Wien die Vögel zwitschern und der Frühling alle Deckung ablegt, entführt mich das Theater entschiedener in eine andere Welt. Zumal, wenn dies die Welt von Büchner und Berg ist, unsentimental rau, existentiell verbindlich.

Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Was ist doch "Wozzeck" für ein grandioses Werk. Ein seltener Versuch, in der durch und durch bürgerlichen Form der Oper ein Soziogramm der Entrechteten und Bedrückten zu schaffen, eine Aufhebung der üblichen Zuordnungen von Normalität und Wahn. Wozzeck, der Narr, umgeben von der real existierenden Perversion der autoritären Selbstgerechtigkeit von Militär und Wissenschaft. Dreimal fünf Szenen, in denen die Verwirrung der Hauptfigur sich auf das Publikum überträgt, bis man als Zuschauer nicht anders kann als den Irrsinn in den Bügelfalten der Konventionen zu erkennen.

Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Und was für eine Musik, als sei die vertraute Welt von einem Erdbeben erfasst und im Taumel reichen sich unvertraute Töne die Hand, um ein neues, ein flimmerndes Geländer zu schaffen. Unter dem Dirigat von Dennis Russell Davies wurde die Sinnlichkeit der Komposition besonders spürbar, weswegen diese Aufführung auch jene verführt hätte, die Widerwillen gegenüber Atonales verspüren. Und das ganze Ensemble war allen Komplexitäten prächtig gewachsen.

Höhepunkt: Evelyn Herlitzius als Marie. Herzzerreißend.

Coda: Schade, dass dieses Werk, zumal in der gelungenen Inszenierung von Adolf Dresen, einer der besten im Repertoire der Staatsoper, nächstens Jahr nicht gespielt werden wird. "Wozzeck", der letzte große Höhepunkt der Opernkunst, sollte immer auf dem Spielplan stehen. (Ilija Trojanow, derStandard.at, 10.4.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.
Wozzeck – Alban BergWiener Staatsoper. 30. März 2014, 16 Uhr
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    Wozzeck – Alban Berg
    Wiener Staatsoper. 30. März 2014, 16 Uhr

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