Österreicher sind alle Nazis

Leserkommentar10. April 2014, 13:46
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Über politisch korrekte Sprache in der Mitte der Gesellschaft

Vergangenes Wochenende, ein Dorffußballplatz in Niederösterreich. Es entspinnt sich ein Dialog zwischen drei älteren Herren, allesamt ideologisch im großkoalitionären Lager beheimatet, pensionierte Lehrer, Beamte.

Auszüge: "Mia haum a immer Nega gsogt", "Des hauma sogoa in da Schui glernt", "Jo, und Zigeina soi ma a nimmer sogn?", "Des is a Waunsinn, wia uns de Linken tyrannisieren", "De olle mit eanara Politic Correctness oda wia des haaßt", "I sog jo a, dass i Nega bin" et cetera. Die Aussagen des rustikal-intellektuellen Diskurses ließen sich noch lange fortsetzen.

Nicht nur der rechte Rand

Was lernen wir daraus? Die Diktion ist keineswegs nur am rechten Rand der Gesellschaft, in den Sphären der Mölzers und Konsorten, beheimatet, sondern in großem Umfang auch an jenem Ort, den man heute gemeinhin "Mitte" nennt. Auch dort will man nicht verstehen, dass es nicht "wir" sind, die darüber zu entscheiden haben, was politisch korrekt ist oder nicht.

Wer zu entscheiden hat

Die Entscheidung darüber liegt einzig und allein bei den Betroffenen selbst. Wenn einen einzelnen Rom oder die gesamte Volksgruppe der Begriff "Zigeuner" stört, so endet an diesem Punkt die Diskussion. "Wir" haben das schlicht zu respektieren und umzusetzen. Das gilt auch und vor allem für die "Negerfraktion". Und das Beste daran: Es tut niemandem weh.

Der Umkehrschluss

Im Umkehrschluss stelle man sich nur einen fiktiven Dialog auf einem englischen Dorffußballplatz vor: "Jetzt dürfen wir zu den Österreichern nicht mehr Nazis sagen?", "Die waren doch zu einem Großteil Nazis", "Das haben wir sogar in der Schule gelernt", "Und Krautfresser sollen wir auch nicht mehr sagen". Na, da würden sich die drei älteren Herren des niederösterreichischen Dorffußballplatzes aber freuen.

Nur, weil etwas immer so war, muss es nicht immer so bleiben. Dinge verändern sich – manchmal auch ohne dass man gefragt wird. (Matthias Steinperl, Leserkommentar, derStandard.at, 10.4.2014)

Matthias Steinperl (41) lebt und schreibt in Niederösterreich.

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