Für immer mehr Laureaten kommt der Nobelpreis zu spät

10. April 2014, 12:30
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Studie: Durchschnittsalter bei Preisvergabe wird bei anhaltendem Trend die Lebenserwartung der Forscher übersteigen

Stockholm/Helsinki - Wissenschafter müssen immer länger darauf warten, einen Nobelpreis zu bekommen. So könnten in Zukunft öfter als bisher verdiente Forscher die Auszeichnung auch deshalb nicht mehr erhalten, weil sie vorher sterben. Dieses Studienergebnis präsentierte Santo Fortunato von der finnischen Aalto-Universität im Fachjournal "Nature".

Die vermeintlich schnelle Gegenwart

Zwischen Entdeckung und Nobelpreisverleihung vergehen demnach immer mehr Jahre - in der Regel mehr als 20. Schon jetzt gibt es sogar Beispiele, in denen es mehr als 50 Jahre gedauert hat: Der Russe Witali Ginsburg (1916-2009) bekam den Preis 2003 für "bahnbrechende Arbeiten in der Theorie über Supraleiter und Supraflüssigkeiten", die er maßgeblich 1950 geleistet hatte.

Vor 1940 seien Nobelpreise in Physik, Chemie und Medizin nur in 11, 15 und 24 Prozent der Fälle über 20 Jahre nach der Entdeckung vergeben worden, berichtete Fortunato. Bis 1985 sei das bei 45 Prozent der Medizin-Nobelpreise und mehr als der Hälfte (52 Prozent) der Auszeichnungen in Chemie der Fall gewesen. In der Physik mussten sogar 60 Prozent der Geehrten mehr als zwei Jahrzehnte auf den Nobelpreis warten.

"Mit der Wartezeit steigt auch das Durchschnittsalter, in dem die Preisträger den Preis bekommen", erklärte der finnischen Wissenschafter. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte demnach das statistisch berechnete durchschnittliche Alter bei der Preisvergabe die Lebenserwartung der Forscher übersteigen. Posthum darf der Preis aber nicht vergeben werden.

Zuviel Vorsicht?

Eine späte Vergabe ist den Nobel-Jurys zufolge aber oft die einzig gute Lösung. "Es braucht Zeit, bis man die volle Bedeutung einer neuen Entdeckung verstehen kann", hatte der Chef des Chemie-Nobelkomitees, Sven Lidin, der Nachrichtenagentur dpa in einem früheren Interview gesagt. So vermeidet die Jury zum Beispiel, dass eine Vergabe einmal nicht mehr nachvollziehbar ist. Auch Entdeckungen, die nicht belegt sind, bekommen von den Komitees keine Ehrung - ein möglicher Grund dafür, dass der Astrophysiker Stephen Hawking noch keinen Preis für seine Theorien zu Schwarzen Löchern bekommen hat.

Lassen sich die Komitees allerdings künftig noch mehr Zeit, könnten traurige Fälle wie der des Immunforschers Ralph Steinman kein Einzelschicksal bleiben: Wenige Tage, bevor die Nobeljury ihn 2011 als Medizin-Preisträger verkündete, war der Kanadier gestorben. Das wussten die Juroren zu dem Zeitpunkt aber noch nicht. Erstmals seit 50 Jahren bekam ein Wissenschafter den Nobelpreis somit posthum. (APA/red, derStandard.at, 10. 4. 2014)

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