Grüne Biotope der Denunziation

Kommentar der anderen9. April 2014, 18:13
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Die Grünen gerieren sich als kulturpolitische Inquisitoren, als Kläger und Richter zugleich. Die jakobinische Intoleranz der neuen Verbotspartei hat mit Kunst und Kultur nichts zu tun

Der Kunsthistoriker Dieter Schrage, ein grünes Urgestein, brandmarkte kurz vor seinem Tod Wolfgang Zinggl im STANDARD aufgrund dessen kulturpolitischer Winkelzüge und Diffamierungskampagnen mit den Worten: "Ein Scharfrichter ist noch kein Kulturpolitiker." Gleichzeitig stellte er die Frage: Wo bleiben konstruktive kunst- und kulturpolitische Initiativen der Parlamentsgrünen ...?"

Anstelle legitimer Kritik an Institutionen und Personen, der notwendigen Aufdeckung von Ressourcen- und Machtmissbrauch oder gar über Festplattenabgabe und Künstlersozialversicherung hinausreichende kulturpolitische Visionen tritt im Falle Zinggl und der Grünen die Instrumentalisierung von Kulturpolitik für unlautere Zwecke, für die Perpetuierung der eigenen politischen Existenz und die Sicherung der parlamentarischen Apanagen durch Skandalisierung Anderer.

Dass dabei auf gestohlene Daten, falsche Vorwürfe und unbewiesene Behauptungen zurückgegriffen wird, ergänzt Schrages Diagnose und desavouiert die Kreuzzüge Zinggls zu pseudomoralischen Ausgeburten eines scheinheiligen Inquisitors. Er allein dekretiert, was Schuld und wer schuldig ist, und so nebenbei auch, was Kunst ist und was nicht. Dabei macht er sich die zynische Menschenverachtung von Gottesordalen zu eigen. Beschuldigt ist gleich schuldig. Denn Inquisitoren bedürfen keiner Beweise, keines Verfahrens, keines Urteils, schon gar keines Rechtsstaates. Ihre Meinung ist Gesetz, ihr Vorurteil Urteil und ihr Selbsthass Strafbemessungsgrundlage. Als Inquisitor ist er Kläger und Richter zugleich.

Das Infame ist dabei die Umkehrung der Beweislast: Der Diffamierte muss den Unschuldbeweis antreten, und der durch parlamentarische Immunität Geschützte kann selbstgerecht und sanktionslos andere als Lumpen, Gauner und Korruptionisten diskreditieren. Selbst wenn seine Vorwürfe durch Staatsanwaltschaft, Gerichte oder private und öffentliche Prüfinstanzen zurückgewiesen oder widerlegt wurden, steht die selbstgestrickte grüne Moral noch allemal vor dem Gesetz. Dann waren das halt Egozentriker, künstlerische Egomanen, Feudalherren oder gar Dandys, auf jeden Fall aber autoritäre und überbezahlte Künstler, Direktoren oder Regisseure (Zinggl im STANDARD: "Biotope der Günstlingswirtschaft").

Verträge, internationale Usancen oder gar künstlerischer oder wirtschaftlicher Erfolg sind dabei irrelevant. So wird die Verantwortung für Rufschädigung, leichtfertige Existenzvernichtung oder durch falsche Anschuldigungen verursachte sinnlose Kosten für den Steuerzahler (im Fall der Kunsthalle Wien hunderttausende Euro) selbstredend nicht übernommen. Kollateralschaden, Schwamm drüber.

In diesem kulturpolitischen Klima hemmungsloser Denunziation und Diffamierung gedeihen Opportunisten, Angepasste, Unauffällige und Mutlose. Charaktereigenschaften, die nicht nur in der Kunst fehl am Platz sind. Begünstigt wird das Mittelmaß, das Risikolose, nicht das Außergewöhnliche, das Kompromisslose, schon gar nicht die Kunst. Im zynischen Kalkül politischer Profilierung hat eine sachliche Beurteilung der Leistung Anderer ohnedies keinen Platz.

Indem grüne Kulturpolitik sich in mieser McCarthy-Tradition auf Vernaderung, Missgunst, Neid und andere niedrigste menschliche Motive reduziert, vergiftet sie nachhaltig das kulturelle Klima und schürt schamlos Vorurteile gegenüber Kunst und Hochkultur als sündteures, verzichtbares, elitäres, bürgerliches Privileg.

So skandalös einst die kunstverachtende Politik der FPÖ war, so abschreckend und ekelhaft ist nun der kulturpolitische Inquisitionskurs der Grünen. Das Schüren von Ressentiments passt ins Bild der Grünen als neuer Verbotspartei zwischen biedermeierlicher Spießigkeit und jakobinischer Intoleranz, die Kunst bestenfalls als parteipolitisches Instrument für eine bessere, selbstverständlich grüne Welt missversteht und den Künstler zum Sozialtherapeuten politischer Korrektheit degradiert. Statt Herzblut und Engagement für das Künstlerische zu zeigen, wird es unter grünen Generalverdacht gestellt.

Wer jedoch undifferenziert mit der Allzweckwaffe der Steuergeldverschwendung und den Platituden eines Kulturklassenkampfes hausieren geht, wer Kunst, Künstler und Bevölkerung gegeneinander ausspielt, zerstört nicht nur die gesellschaftliche Legitimation von Kunst und Kunstförderung, sondern wird irgendwann selbst Opfer des eigenen stumpfsinnigen Populismus, indem er sich die Frage gefallen lassen muss, inwieweit die üppige Gage eines unproduktiven Abgeordneten gegenüber der kargen Bezahlung einer hart arbeitenden Altenpflegerin gerechtfertigt ist. (Gerald Matt, DER STANDARD, 10.4.2014)

Gerald A. Matt ist Kulturmanager und Gastprofessor an der Hochschule für angewandte Kunst. Bis März 2012 war er Direktor der Kunsthalle Wien. Ein im Wesentlichen aufgrund von Vorwürfen der Grünen gegen Matt angestrengtes Verfahren wegen Untreue wurde von der Staatsanwaltschaft 2012 eingestellt.

Nachlese

Kommentar der anderen von Dieter Schrage: Ein Scharfrichter ist noch kein Kulturpolitiker

Kommentar der anderen von Wolfgang Zinggl: Biotope der Günstlingswirtschaft

  • Harte Bandagen in der Kunst, man kann leicht eines auf die Nase bekommen. Im Bild: eine Installation des einst in der Kunsthalle ausgestellten tschechischen Künstlers Jan Švankmajer.
    foto: kunsthalle / jan švankmajer

    Harte Bandagen in der Kunst, man kann leicht eines auf die Nase bekommen. Im Bild: eine Installation des einst in der Kunsthalle ausgestellten tschechischen Künstlers Jan Švankmajer.

  • Gerald Matt: Sozialtherapeuten politischer Korrektheit.
    foto: ap/hans punz

    Gerald Matt: Sozialtherapeuten politischer Korrektheit.

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