Patina und perlende Klänge

9. April 2014, 17:06
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Franz Liszt in Wort und Ton bei der "Stadtinitiative"

Wien - Er war Avantgardist und Kitschier, ein rastloser Ruhmsüchtiger aus einem Kaff in Österreich, ein Womanizer und ein Star "because er hatte Flair"; sie war eine französische Aristokratin und Intellektuelle, die alles gern im Rahmen hielt: Franz Liszt und Marie d'Agoult verband innigste Liebe, tiefster Hass und drei gemeinsame Kinder (darunter Richard Wagners spätere Frau Cosima), ihre Beziehung war ein Wechselbad von reinstem, strahlendstem Dur und düsterstem Moll - so wie viele Klavierstücke des Großpathetikers.

Einige stimmige Idee also von Clemens Horvat (Stadtinitiative Wien), eine Lesung mit Auszügen aus dem Briefwechsel der zwei mit einem Vortrag einiger Werke des charismatischen Komponisten zu verbinden. Und so fand sich im Ehrbar-Saal in der Mühlgasse, dem charmantesten aller abgewohnten Konzertsäle der Stadt, liebenswert patiniertes Publikum ein, um Sona MacDonald und Joseph Lorenz beim Vortrag der amourösen Korrespondenz sowie Boris Bloch beim Vorspiel der lieblich-leidenschaftlichen Klänge zu belauschen.

MacDonald - die Zeit geht an dieser Frau spurlos vorbei - beschrieb erst in den Worten d'Agoults Liszts Gestalt ("hochgewachsen, überschlank"), Gang ("er glitt mehr dahin, als dass er schritt") und Blick (der eines Phantoms), um dann klarzustellen: "Mein Leben ist Gebet, ist Anbetung." Der Angebetete beklagte zwar laut den "äußerlichen Lärm des Ruhms", stellte aber auch ehrlich fest: "Eigennutz und Eitelkeit beherrschen das Leben eines Mannes." - "Sie sind so damit beschäftigt, groß zu sein", stimmte ihm Marie am Ende klagend zu.

Zwischen den Zeilen spielte Boris Bloch gar wunderbar auf einem klanglich heterogenen Bösendorfer. Der Liszt-Experte aus Odessa musizierte mit Eleganz und Innigkeit, mit selbstverständlichem Feingefühl: im Geiste und Gestus des großen Horowitz. Zarte Gefühle und große, weiche Bögen in den Consolations Nr. 2 und 3, schwarzes Gebrodel des Hasses in der Trovatore-Paraphrase. Was für eine Zeit, was für eine Liebe. (Stefan Ender, DER STANDARD, 10.4.2014)

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