Der Ingenieur und seine Pflanzenfabrik

10. April 2014, 05:30
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Vor 50 Jahren plante der Wiener Othmar Ruthner, den Ackerbau zu revolutionieren

Wien - Der Spiegel träumte bereits von "frischem Salat auf dem Montblanc und Jänner-Erdbeeren auf dem Dach eines Wolkenkratzers in Chicago". Die New York Times ortete gar den "ersten Schritt zur fabrikmäßigen Herstellung von Pflanzen und Gemüse".

Die Rede ist vom ersten vollautomatisierten Turmgewächshaus, erfunden vom Maschinenbau-Ingenieur Othmar Ruthner. Nachdem der TU-Ehrensenator in den 50ern die Oberflächenbehandlung von Stählen revolutionierte, sagte er ein Jahrzehnt später mit seiner Ruthner Pflanzenbau AG den "archaischen Methoden" des Ackerbaus den Kampf an: "In etlichen Jahrzehnten wird niemand mehr begreifen, welch ungeheurer Platz- und Arbeitsverschwendung sich die Landwirtschaft noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts schuldig machte."

Gärtner ohne Rückenschmerz

Ruthners Vision: Gärtner ohne Rückenschmerzen und eine Menschheit frei von Hunger.

Vor fünfzig Jahren stellte er auf der Wiener Gartenschau erstmals seinen rundum verglasten Gewächsturm vor, in dem Salat- und Tomatenbeete via Paternostersystem im Fließbandtempo rotieren.

Ein einziger Gärtner

Nach dem Motto "Pflanze kommt zum Gärtner" benötigte die 41 Meter hohe Gemüsefabrik nur einen einzigen Gärtner zur Bewässerung, wobei auf einem Bodenraum von acht Meter Durchmesser ebenso viel geerntet werden könne wie auf einer Kulturfläche von tausend Quadratmetern. Aufgrund des künstlichen Klimas würden die Pflanzen das gesamte Jahr über gedeihen, lange Transporte zudem obsolet werden.

Mit seiner Erfindung wollte er nichts weniger als die "Mistbeet-Gegenwart zur vorsintflutlichen Vergangenheit" machen.

Gewächstürme auf dem Mond

Ruthner war ein Visionär, doch verfügte auch über einen treffsicheren Instinkt für die industrielle Verwirklichung seiner Ideen. In den 70ern verkaufte er sein Patent an die Voest, die in Norwegen auch eine erste Fabrik zur Züchtung von Tomaten errichtete. In den Achtzigern meldete gar die Nasa Interesse am Gewächsturm an - für dauerhaft bemannte Mondstationen. Nach Kürzung der Forschungsmittel wanderte der Plan jedoch wieder in die Schublade.

Auch Ruthner erlitt bald das typische Erfinderschicksal und geriet in Vergessenheit. Seine Ideen entstanden zu einer Zeit, als Grün noch lediglich eine Farbe und Ressourcenschonung rein aus ökonomischen Gründen bekannt war.

"Vertical Farming" als Millionengeschäft

Ein Sprung ins Hier und Jetzt: Längst ist "Vertical Farming" zum Millionengeschäft geworden, ein gutes Dutzend Großprojekte wurde bereits zwischen Schweden, Japan und Amerika realisiert. Ölstaaten am Persischen Golf investieren massiv in die Technologie.

Zu Ruthners Zeiten interessierte sich vor allem eine marktwirtschaftliche Inselstadt für die Gewächstürme: Westberlin.

Für den Wiener Pionier sollten diese übrigens nur eine Zwischenlösung sein - auf dem Weg zu einer Art "Seilbahnkultur": In Wüstengegenden würden künftig Pflanzenkäfige mit eingebauten Gewächsröhren wie Sessellifte durch das Land getragen, die dann regelmäßig zu einer Zentralstation am Flussufer zurückkurven und neu aufgefüllt werden. (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, 10.4.2014)

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  • Vertical Farming heute im südkoreanischen Suwon. Das erste Turmgewächshaus ist vor 50 Jahren in Wien von Othmar Ruthner entwickelt und errichtet worden.
    foto: malte e. kollenberg

    Vertical Farming heute im südkoreanischen Suwon. Das erste Turmgewächshaus ist vor 50 Jahren in Wien von Othmar Ruthner entwickelt und errichtet worden.

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