Räudige Zeichen aneignen

9. April 2014, 17:34
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"All these signs ... Overwriting the subject" in der Galerie Raum mit Licht zeigt Arbeiten von Iris Andraschek und Georgia Creimer im Dialog: vom Umwerten sexistischer Party-Scherze und den Indizien des Gassigehens

Wien - Es sind im Grunde vollkommen verschiedene Phänomene, um die sich die Arbeiten von Iris Andraschek und Georgia Creimer drehen. Allerdings spielen bei beiden der öffentliche Raum und dort vorgefundene, ziemlich räudige Zeichen eine wichtige Rolle.

Bei Iris Andraschek handelt es sich dabei um mit wenigen Strichen gekritzelte Obszönitäten (Penisse etc.), die die Körper von Jugendlichen - hauptsächlich von Mädchen - bedecken. In der Ausstellung sind die Fotos von meist völlig betrunkenen jungen Frauen, die ursprünglich auf der Webseite 30 Reasons a Girl Should Call It a Night veröffentlich wurden, auf einer Art Wandfächer versammelt, der eine gewisse Intimität bietet. Inzwischen ist die Internetseite geschlossen und auch Iris Andraschek geht sichtlich behutsam damit um, die oft halbnackten Frauen abermals - wenn auch in anderem Kontext - zu zeigen.

Wichtiger als die vom Fächer sehr gut behüteten Internet-"Originale" sind eigentlich die Zeichnungen und Fotografien, mit denen Andraschek sich dem Phänomen ohne moralischen Fingerzeig annäherte. So kamen gemeinsam mit Performerinnen fabelhaften Aufnahmen zustande: Darauf eignen sich die Darstellerinnen die obszönen Zeichen und Wörter auf sichtlich selbstbewusste und reflektierte Weise an.

In der Auseinandersetzung mit diversen Öffentlichkeiten (u. a. Aussteiger oder Besucher einer Tattoo-Messe) ist der Titel der Serie Where to draw the line? für Andraschek immer wieder zentral; in der Ausstellung macht er aber auch in Bezug auf das Projekt von Georgia Creimer Sinn: All these signs (2014) heißt die Serie, die durch das Hinausschieben der Linie irgendwo zwischen grenzüberschreitend und grenzwertig changiert. Auf den Spuren des Animalischen in der Stadt hat die Künstlerin mit ihrem Smartphone Hundepissflecken dokumentiert. Der Künstlerin ging es darum, diese alltäglichen Markierungen in die verschiedensten künstlerischen Formen zu transformieren - zu sehen sind zwei stark abstrahierte, gelbe Objekte und räumlich arrangierte Fotodisplays, die zwar nur halb so eklig, aber leider auch nur halb so stark wie Warhols Piss Paintings sind. (Christa Benzer, DER STANDARD, 10.4.2014)

Bis 18. 5.

Galerie Raum mit Licht

Kaiserstraße 32, 1070 Wien

  • Das Aneignen und somit Umwerten sexistischer Begriffe ist bereits zur feministischen Praxis geworden: Iris Andraschek hat diese Technik in der Serie "Where to draw the line?" mit Performerinnen auf erniedrigende, den Körper beschriftende Partyscherze angewendet.
    foto: raum mit licht

    Das Aneignen und somit Umwerten sexistischer Begriffe ist bereits zur feministischen Praxis geworden: Iris Andraschek hat diese Technik in der Serie "Where to draw the line?" mit Performerinnen auf erniedrigende, den Körper beschriftende Partyscherze angewendet.

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