Peaches Geldof: Tod einer unbekannten jungen Frau

Leserkommentar9. April 2014, 15:27
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Notizen zur Frage nach der Möglichkeit der Authentizität von Gefühlen in der Mediengesellschaft

Etwas Besonderes ist geschehen. Peaches Geldof ist tot. Alle sind erschüttert und betroffen. Gleich die Welt – umfassender geht es kaum – sei "geschockt", teilt uns das Öffi-Blatt "Heute" mit. (Das uns ja auch ebenso emotional davon in Kenntnis gesetzt hat, als sich dieselbe ganze Welt über die Geburt des kleinen Prinzen George gefreut hat. Das passt also zusammen.) Nun wäre daran freilich auch gleichzeitig wiederum nichts Besonderes, denn Prominente sterben immer wieder, die Erschütterung ist stets groß, und auch ähnlich Tragisches findet sich des Öfteren darunter.

Wer ist Peaches Geldof?

Das eigentlich Besondere tritt erst dann zutage, wenn man verwundert entdeckt: "Ich kenne Peaches Geldof gar nicht, ich habe noch nie etwas von ihr gehört! Wer ist das eigentlich?!" Dann blickt man im STANDARD-Forum um sich und stellt fest, dass es der Mehrheit der Postenden ebenso geht. Manche beteuern freilich dennoch beflissen ihre Betroffenheit und bekennen sich zu der ihnen von den Medien verordneten Trauer, andere tun sich da schon schwerer. Das kann man ihnen nicht verdenken, möchte man sagen, in Bezug auf eine Person, von deren Bekanntheit man erst erfährt, als ihr Tod bekannt wird.

Es wird nicht Aufgabe dieses Kommentars sein, sich zu überlegen, warum wir hier auf einmal in Riesenschlagzeilen vom Tod eines Menschen erfahren, der in Großbritannien außerordentlich prominent sein mag, hierzulande aber beinahe unbekannt ist.

Vielmehr wollen wir das Augenmerk darauf lenken, dass an dieser kleinen, feinen Stelle ein Bruch in der medialen Konstruktion von Realität bloß offensichtlich wird, der an ihrem Grunde immer vorhanden ist. Denn gibt es zwischen der von den Medien geschaffenen Welt und den Menschen, die sie konsumieren, in Wahrheit nicht immer jene wesensmäßige Lücke, die zu kaschieren möglicherweise (eher noch als die Information) eine der geheimen Hauptaufgaben der Medien ist?

Entfremdung

Diese Lücke ist nämlich nichts weniger als die Entfremdung zwischen den Menschen in einer modernen Massengesellschaft. Sie wird befriedet, wenn wir uns in dem Global Village der Medien treffen, uns in ihm auf scheinbar allen Bekanntes beziehen. Die Trennung der Subjekte voneinander wird über den virtuellen Raum der Medien aufgehoben. Die Leute, die einem auf der Straße und im Supermarkt begegnen, vielleicht sogar die eigenen Nachbarn kennt man nicht, wohl aber die Prominenten und ihre Schicksale. Zumindest glaubt man das. Ob man hier einer Täuschung erliegt oder nicht, spielt jedoch keine Rolle, das Wichtige ist, dass die Welt als eine uns allen gemeinsame, von uns allen geteilte Wirklichkeit inszeniert und erfahrbar wird.

Die vielleicht manchen spürbare feine Irritation über die sehr laut und aufgeregt daherkommende Nachricht vom Tod einer Person, deren Prominenz von den Medien vorausgesetzt wird, die aber vielen in unserem Land in Wahrheit unbekannt ist, könnte nun daher rühren, dass dieser Kontrakt zwischen den Medien und ihren Konsumenten an dieser Stelle gebrochen wird und die prädestinierte ontologische Harmonie zwischen der von der einen Seite zur Schau gestellten Wirklichkeit und den auf der anderen Seite von ihr Bedienten sich auf einmal als ein bloßer Schein, als eine Anmaßung entpuppt. Aus der Vertrautheit der Welt, die fortwährend – selbst bei den schlimmsten Nachrichten – gleichzeitig beruhigend vorgegaukelt wird, sticht für einen kurzen Moment etwas Unvertrautes hervor, eine Fremdheit, ja etwas Exotisches, das es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte.

Kulturkritik

Man könnte sich an diesem Punkt auch an den etwas zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Kulturkritiker Neil Postman erinnern, der in seinen Büchern "Wir informieren uns zu Tode" beziehungsweise "Wir amüsieren uns zu Tode" schon vor langem sein Erstaunen darüber geäußert hat, auf welche Weise uns die modernen Medien in die intimen Schicksale von uns eigentlich wildfremden Menschen verstricken.

Beachtenswert sind im Falle von Peaches Geldofs Tod außerdem die Beobachtungen von Sebastian Borger im STANDARD, der den "Narzissmus" vieler Beileidskundgebungen registriert und das Bild übertrieben und künstlich wirkender Betroffenheitsäußerungen auch in den englischen Medien zeichnet. Denn vielleicht wird hier gleichfalls bloß jene grundlegende Differenz zwischen den Subjekten selbst und den Rollen sichtbar, die sie in einer medial vorgezeichneten Wirklichkeit zu spielen haben. (Ortwin Rosner, Leserkommentar, derStandard.at, 9.4.2014)

Ortwin Rosner (Jahrgang 1967) hat Germanistik und Philosophie in Wien studiert und seine Diplomarbeit bei Wolfgang Müller-Funk über "Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann" geschrieben, die 2006 im Peter-Lang-Verlag erschien. Er lebt als Schriftsteller in Wien.

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