Ach, du liebe Zeit

9. April 2014, 13:41
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Ist Zeit nur Geld? Was ist Zeitverschwendung, gestohlene Zeit, Vergänglichkeit?

Während meines Eröffnungsvortrags bei einem Festival, ich sprach über das Verhältnis von Zeit und Musik (nach meiner Rede spielte der Elektronik- und Ambientmusik Pionier Hans Joachim Roedelius), setzte ich mich plötzlich unangekündigt an das neben anderen Instrumenten auf der Bühne stehende Klavier und hielt inne - ungefähr viereinhalb Minuten lang.

Nun ist das Setting bei Bühnen- und Konzertveranstaltungen auf den zu erwartenden Hörgenuss abgestimmt. Möglichst alles, was stören könnte, soll ausgeblendet werden, damit wir unsere Sinne voll auf das Geschehen konzentrieren. Doch ab dem Augenblick, als ich an dem Flügel saß, passierte - nichts.

Tacet - wenn die Pause zum Ziel wird

Ein paar Gedanken zu dem, was ich vorher gesagt hatte, mochten bei Anwesenden noch nachgeschwungen haben, jetzt kamen keine Anregungen mehr von meiner Seite. Es war nur plötzlich ganz und ich meine wirklich ganz - still. Kein Husten war zu hören, niemand griff in die Tasche und blickte aufs Handy. Nach einem möglicherweise ersten kurzen Moment der Verunsicherung "...hab ich etwas verpasst...was passiert jetzt...war das geplant...Zeitverschwendung...dafür hab ich nicht bezahlt..." breitete sich schnell eine achtsame Ruhe aus. Die anfängliche Irritation wich einer angenehmen fast zeitlos luziden Episode. Was passiert in so einem Momentum? Ist es nur ein Blick ins Narrenkastl, oder hebt sich die Zeit in ihrer Dialektik auf?

Was verschaffte diesem augenblicklichen Geschehen Bedeutung? Nicht ich, sondern jede und jeder an diesem Ort, während dieser Zeitspanne, nahm sich etwas für sich heraus.

Das Aufmerken bei gleichzeitiger Abwesenheit eines bestimmten Fokus stiftet Achtsamzeit.

Was ist Zeit?

Kant fasste Zeit als Anschauungsform a priori. Zur Erkenntnis von Gegenständen bedarf es laut seiner Deduktion eines vorausgesetzten Raum-Zeit Kontinuums, das selbst nicht erfahrbar ist, innerhalb dessen aber naturwissenschaftliche Forschung möglich wird. Erst muss also der Kontext abgrenzbar sein, um objektivierbare Erkenntnis zu ermöglichen. Kant stellte die Frage, was voraus zu setzen ist, damit sich das Feld wissenschaftlicher Forschung entfalten könne.

Das erfahrungsermöglichende Selbstbewusstsein und die möglichen Gegenstände der (wissenschaftlichen) Erfahrung sind von gleicher logischer Struktur. So ist laut dem Königsberger Philosophen objektive Erkenntnis möglich.

Hat dieses Zeitverständnis etwas mit unserer lebensweltlichen Erfahrung und unserem individuellen Zeitempfindung zu tun? Nein.

Ist Zeit nur Geld?

Diese Assoziation ist mittlerweile gemein geworden. F. Taylors Ansätze zur Prozesssteuerung von Arbeitsabläufen infiziert beinahe alle Lebensbereiche, vor allem jene, wo uns Quantifizierung und auch Profit wesentlich ist. Der Mensch-Maschine Kurzschluss geht aber viel weiter, etwa bis auf Rene Descartes zurück.

Alles, was äußerlich an uns bestimmt werden kann, unsere vormalige Leiblichkeit, ist nur mehr eine res extensa, eine ausgedehnte Sache, die, wie später Taylor berechnet, wunderbar auf Effizienz getrimmt werden kann, nein unbedingt werden muss - bis hin zu 24/7? Effektivität wird fälschlich als Kausalität aufgefasst, unsere Muskeln funktionieren wie Teile eine Maschine, ihr Zusammenspiel gleiche laut Descartes einem Uhrwerk. Solche Metaphern erzeugen jedoch immer ein Bild der Welt, innerhalb dessen sich unser Selbstbild verwurzelt.

Execute immediate

Das Innere dieser Maschinen kann im Zeitalter propagierter, scheinbar individueller Sinnerfüllungen mit verschiedensten Angeboten programmiert werden.

Wieweit ich als Subjekt, sofern es mich überhaupt gibt, darüber verfügen kann, hängt auch davon ab, ob ich mir innerhalb diese Lebensentwurfskonzepte Zeit nehmen darf, diese Programme selbst zu hinterfragen. Wenn Müßiggang aller Laster Anfang bleibt und eine "sinnlose" Zeitvergeudung Schuldgefühle erzeugen soll, dann wird es schwieriger bleiben, sich als Einzelner überhaupt als handlungsfähig gegenüber den seligmachenden Entwürfen zu erfahren.

Freiheit wäre selbstevident, als Grunderfahrung eines Subjekts, sofern es sich selbst beherrschen darf, aber nicht dann, wenn es sich in der Amazon und Foxconn Arbeitswelt, als nur auf Sekunden- und Minutentakt hin durchstrukturierte Entität zur Exekution vordefinierter Prozesse verliert. Dieser Fortschritt ist unmenschlich und ein Fortschreiten von unserem Menschenbegriff als würdevoller Selbstzweck.

Wer unterstützt uns dabei, um unsere Flexibilität des Hinterfragens weiter zu kultivieren? Die Philosophie. „Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen." Kant in: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

Eigenzeitlichkeit

Man erkennt erst, wenn es zu spät ist, dass genormte Zeit eigentlich gestohlene Zeit ist. Je genauer wir sie einteilen, desto trickreicher entwischt sie, sie kommt uns abhanden, wir haben sie nicht mehr. Deshalb sind Prokrastination und Zeitverschwendung notwendig für ein menschenwürdiges Dasein.

Nur eine Zeit ist wirklich, die Gegenwart. Platon nannte diesen Moment den Augenblick, ex aifnes - der gegenwärtig immer schon vergangen ist. Er ist aber der Schlüssel zum Setzen und Durchsetzen von Veränderung, auch innerhalb eines scheinbar deterministischen Systems. Viele denken, dass sie später Zeit finden werden endlich das zu tun, was wirklich wichtig für sie ist.

Aber Achtung! Je älter wir werden, desto weniger Zeit haben wir zur Verfügung. Unser mangelnder Sinn für Kontingenz spielt uns hier einen existentiellen Streich, weil wir keine Wahrnehmung der eigenen Vergänglichkeit haben. Doch alles was entsteht, ist wert, dass es zu Grunde geht. Ein Aspekt des Seins ist das Werden des Nichts. Der Tod kennt keine Zeit und das Ende der Zeit ist individuell nicht erfahrbar. Die Zeit ist wirklich am Vergehen der seienden Dinge.

Wenn nur die Gegenwärtigkeit ist, bedingt durch unsere endliche Existenz - dann steht die Reflexion darüber, das Denken, außerhalb der Zeit. Es bestimmt die Zeitlichkeit als solche und ist genuin philosophisches Denken. Meist wird aber im Gespräch ein philosophischer Gedanke nur angerissen, gefolgt von einer bedeutungsschwangeren Pause, zustimmendem Nicken, ein Seufzen angesichts der verwirrenden Dialektik, und dann kehrt man gemeinsam wieder in den Strom der alltäglich gewöhnlichen vektororientierten Zeit zurück, weil es, um nochmals Kant zu bemühen, so bequem ist, unmündig zu bleiben.

Epilog

Wir haben an diesem schönen Abend auf jeden Fall eine wunderbar extensive Intensität erlebt, indem wir gemeinsam einfach nichts getan und dies genossen haben. Bei Aristoteles hieß dieser Moment Theoria: das Glück als reines Schauen. Wann nehmen Sie sich dafür Zeit, denn: Wer nicht 2/3 des Tages kann frei verfügen, der muss als Sklave leben... sagte uns Friedrich Nietzsche. (Leo Hemetsberger, derStandard.at, 09.04.2014)

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