Genombasierte Forschung: "Kein Stein wird auf dem anderen bleiben"

9. April 2014, 12:12
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Die genombasierte Forschung werde die Suche nach neuen Wirkstoffen für Arzneimittel grundlegend verändern, ist der Molekularbiologe Giulio Superti-Furga überzeugt

Wien - "Nach der medizinischen Revolution durch die genombasierte Forschung wird kein Stein auf dem anderen bleiben", meint Giulio Superti-Furga vom Wiener Research Center for Molecular Medicine (CeMM).

"Erstmals sind wir in der Lage, die genauen Kausalzusammenhänge zwischen Genom und Krankheitsbildern sowie deren 'individuelle' Auswirkungen auf den einzelnen Menschen zu entschlüsseln", erklärt der Leiter des Forschungszentrums für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die Gendaten sind dabei nur ein Aspekt. Auch eineiige Zwillinge, die mit der gleichen Genom-Ausstattung zur Welt kommen, entwickeln sich unter niemals identen Umwelteinflüssen durch die Epigenetik auseinander.

Unter der Epigenetik versteht man jene Mechanismen, die durch unterschiedlich leichte Ablesbarkeit der DNA im Rahmen von Stoffwechselprozessen der Zellen auch bei identer Erbsubstanz zu individuellen Eigenschaften führen. Die Konsequenz daraus soll eine auf diesen Informationen basierende immer individuellere Medizin sein, erklärt Superti-Furga. "Wir werden in Zukunft mehr Patientengruppen unterscheiden und behandeln müssen", ergänzt der Experte.

Gleichzeitig würden die Erkenntnisse Vorurteile beseitigen: "Wir sind in Europa ja Bastarde zwischen dem modernen Menschen und dem Neandertaler. Rassistische Vorstellungen werden durch die wissenschaftliche Erkenntnis ins Nichts pulverisiert." Dem Forscher zufolge trage jedes Individuum damit genetisch die Menschheitsgeschichte mit ihrem komplexen Stammbaum über Millionen Jahre hinweg in sich.

Redundanz muss verstanden werden

Der Wissenszuwachs auf diesem Gebiet steigt enorm an: So wurden allein am CeMM in Wien in den vergangenen Jahren elf "neue" monogenetische, also auf einer einzigen Genveränderung basierende, Krankheitsbilder identifiziert. In der Forschung nach neuen Therapieprinzipien gehe es demnach längst nicht mehr "einfach" um die Suche nach neuen Wirkstoffen, so der Experte.

Die Wissenschaftler wollen Genomdaten, Signalnetzwerke in den Zellen und Regelkreise verstehen, um einerseits gezielt und andererseits ausreichend wirksam in Krankheitsabläufe eingreifen zu können. Die Schwierigkeit des Unterfangens liegt vor allem darin, dass sich "Krankheiten Gene teilen. Daher gibt es mehr Krankheitszustände als Gene, und eine klare Sicht wird es erst nach dem Verstehen dieser Redundanz geben", resümiert Superti-Furga.

Ein Beispiel sind die am CeMM erforschten SLC-Transportproteine: "Es gibt zum Beispiel den Wirkstoff YM155. Ohne ein SLC-Transportprotein kann die Substanz nicht in die Zelle kommen. Wir glauben, dass die meisten Wirkstoffe diese 'Tore' brauchen." Umgekehrt könnte das Wissen um diese Transportproteine erklären, warum Zellen gegen die Wirkung von Arzneimitteln vollkommen resistent sind. "Es gibt rund 400 solche 'Tore' zu den Zellen, sie sind Tore zwischen Biologie und Chemie", führt der Experte weiter aus.

Diese Transportproteine sind auch nicht immer konstant auf Zellen vorhanden. Weiters dürften Substanzen, die in Zellen eingeschleust werden sollen, dabei nicht einen Beförderungsmechanismus exklusiv ausnutzen. Verstünde man die Redundanz und die Regulation dieser Mechanismen, wäre man wesentliche Schritte weiter, so Superti-Furga. (APA/red, derStandard.at, 9.4.2014)

  • Der Molekularbiologe Giulio Superti-Furga setzt große Hoffnungen in die genombasierte Forschung, die seiner Meinung nach zu einer immer individuelleren medizinischen Behandlung führen wird.
    foto: apa/ap/david goldman

    Der Molekularbiologe Giulio Superti-Furga setzt große Hoffnungen in die genombasierte Forschung, die seiner Meinung nach zu einer immer individuelleren medizinischen Behandlung führen wird.

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